• vom 24.09.2013, 16:55 Uhr

Bühne

Update: 25.09.2013, 16:22 Uhr

Opernkritik

Herz-Schmerz-Pasticcio




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Von Lena Draic

  • Händels Oper "Semiramide" feierte in der Wiener Kammeroper Premiere

Mit der historischen Aufführungspraxis ist das so eine Sache. Während ihre Vertreter - so der Musikwissenschafter Richard Taruskin - zu rekonstruieren behaupten, "wie es eigentlich gewesen" sei, würden sie letztendlich doch nur so musizieren, "wie es uns eigentlich gefällt." Auf die Oper "Semiramide" trifft dies vielleicht ganz besonders zu.

Information

Oper
Semiramide
Von Leonardo Vinci und Georg Friedrich Händel
Alan Curtis (Dirigent)
Kammeroper
Wh.: 27., 29. Sept, 2., 4. 6. Okt.


Bei der Produktion des Theaters an der Wien in der Nebenspielstätte Kammeroper handelt es sich um Leonardo Vincis Dramma per Musica "Semiramide riconosciuta" in einer Bearbeitung Georg Friedrich Händels, die der Barockopern-Veteran Alan Curtis seinerseits einer Bearbeitung unterzogen hat. Das Ergebnis ist ein Pasticcio, bei dem Vinci, Händel und Curtis gleichermaßen als Autoren firmieren könnten. Um Händels Eingriffe in ihrer künstlerischen Bedeutung tatsächlich würdigen zu können, wäre es nötig, die Oper in ihrer Originalversion zu hören. Wer jedoch Überlegungen über Werktreue erst einmal beiseite lässt, lernt in der Kammeroper ein fesselndes Stück Musiktheater kennen, bei dem ein hochdramatisches Libretto aus der Feder Pietro Metastasios in ein mitreißendes musikalisches Gewand gekleidet ist.

Das Zeug zur TV-Soap
Die imposante Anzahl an Wut- und Rachearien findet ihre Rechtfertigung in einer Story, die es mit telegenen Königsdramen à la "Game of Thrones" ohne Weiteres aufnehmen kann: Die ägyptische Königstochter Semiramis tauscht Kleidung und Geschlechtsidentität mit ihrem Sohn, um ein seiner statt zu regieren, was einer endlosen Kette von Ränken und Täuschungen die Bahn bereitet. Als König Nino soll Semiramis Prinzessin Tamiri mit Prinz Scitalce verheiraten, in dem sie ihren ehemaligen Geliebten erkennt, der wiederum glaubt, sie in einem Anfall von Eifersucht erstochen zu haben. Çigdem Soyarslan und Andrew Owens mimen mit Totaleinsatz das zwischen Hass und Liebe hin- und hergerissene Paar, das unter den Intrigen von Semiramis‘ Vertrautem Sibari (hinterfotzig: Gaia Petrone), der unerwiderten Zuneigung Tamiris (strahlend: Gan-ya Ben-gur Akselrod) und dem Imponiergehabe zweier weiterer Brautwerber (komisch: Rupert Enticknap und Igor Bakan) nicht und nicht zueinanderfinden will.

Wenn das Libretto das Zeug zur TV-Soap hat, so wartet Vincis Musik mit einer Fülle von effektvollen Arien auf, in denen das Junge Ensemble des Theaters an der Wien seine Fähigkeiten bestens ausspielen kann. Und die sind beträchtlich: Jeder noch so halsbrecherischen Koloraturenkette gewachsen zeigt sich Primadonna Çigdem Soyarslan, an Wohlklang nur noch übertroffen vom ebenso klaren wie agilen Mezzo Gaia Petrones. Und der Bach Consort Wien lässt unter Alan Curtis die energiegetriebene und von plötzlichen Brüchen zerrissene Musik ihre Kraft entfalten wie ein Barockorchester ersten Ranges.

Verwirrend schlicht
Dass die auf zwei Akte komprimierte Oper im letzten Drittel dennoch Längen entwickelt, liegt an der unvermeidbaren Statik der Da-capo-Arien, die Regisseur Francesco Micheli redlich mit sinnvoller Bühnenhandlung zu erfüllen versucht. Mit wechselndem Erfolg: Wenn der entmachtete Sohnemann als stummer Transvestit (Alessio Calciolari) durch die Szene stöckelt, wird das offenkundige Ziel, Dynamik ins Geschehen zu bringen, nur teilweise erreicht. Und die Ausstattung verwirrt trotz ihrer Schlichtheit - die Bühne wird von einem weißen Amphitheater ausgefüllt - durch nicht immer dechiffrierbare Schriftzüge und Zeichen.

Abgesehen davon will angesichts der Schlusspointe, dass der bis zuletzt sture und eifersüchtige Scitalce doch noch Semiramis in seine Arme schließen kann, keine rechte Freude aufkommen.

Ganz so, "wie es uns gefällt", lässt sich Barockoper eben doch nicht zurechtbiegen. Aber schön, so fand zumindest das jubelnde Premierenpublikum, schön war es doch.




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Dokument erstellt am 2013-09-24 16:59:06
Letzte Änderung am 2013-09-25 16:22:30


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