Das neue Stadtprojekt stößt auf Widerstand aus dem Jenseits: Gerald Votava, Heribert Sasse in der Uraufführung von Ernst Moldens "Hafen Wien". - © Pertramer/Rabenhof
Das neue Stadtprojekt stößt auf Widerstand aus dem Jenseits: Gerald Votava, Heribert Sasse in der Uraufführung von Ernst Moldens "Hafen Wien". - © Pertramer/Rabenhof

Ein hippes Stadtprojekt soll es werden, hell und optimistisch, einladend für jedermann, -frau und -kind, lebendig und mit Blick aufs Wasser: Wok-Studio statt Würstelstand, Freizeitpark statt Friedhof, Leben 2.0 zwischen Lifestyle und iPad. Ausgerechnet den Alberner Hafen samt dem berüchtigten Friedhof der Namenlosen hat Herr Stadtplaner-Ingenieur Hrdlicka auserkoren für sein neustes Projekt, eine zeitgeisttriefende Wohnsiedlung für den neuen Mittelstand; ausgerechnet zu Allerseelen - oder "Halloween", wie er es, korrekt globalisiert, nennt - wird er entsandt, um die eigentümlichen Bewohner und Figuren des Stadtgebiets in Simmering auf die bevorstehende Gentrifizierung vorzubereiten. Womit Hrdlicka nicht rechnet: Auf dem Gebiet spukt es, treiben die Geister unerlöster Paare ihr Unwesen, buddelt ein Totengräber trotz Stilllegung des Friedhofs weiter Leichen aus und ein. Die kühle Schönheit hinter der Theke des Würstelstands bietet Bier statt Bionade und unter der Erde sickert das Donauwasser durch, trüb und klamm.

Der Charme der Gespenster


"Ein Singspiel von den Toten" nennt Ernst Molden das von ihm geschriebene und komponierte Musikstück - und setzt dabei auf die ungeschönte, zwischen Schwermut und Leichtfüßigkeit schwankende, durchschlagende Kraft des Wienerlieds. Die Texte besingen die Vergänglichkeit der Dinge und schweben gemeinsam mit der starken Live-Musik inklusive Gitarre, Akkordeon und Flöte stets knapp über dem Abgrund. Die Szenerie (Gudrun Kampl) auf der Bühne des Rabenhof Theaters schafft eine schaurig-schöne Geisterbahnatmosphäre aus Schatten und Licht, Farben und halbdurchlässigen Wänden: ein Geisterreich, von dem schon zu Beginn klar ist, dass es niemals der angedachten Lebensfreude des geplanten Stadtprojekts weichen wird.

Gerald Votava gibt den glatten und korrekten Ingenieur: Sich ans iPad klammernd und auf den Touchscreen tippend, stolpert und hibbelt er über die Bühne, bildet einen hyperaktiven Gegensatz zu den erstarrten Urgesteinen des Totenreichs an der Donau. Schon bald erliegt er dem undurchdringlichen, kühlen Charme von Würstelstandbesitzerin Hilde, die ein düsteres Geheimnis verbirgt.

Eva Maria Marold spielt und singt mit starker Stimme diese mysteriöse Frau, aus ihrem unbewegten Blick spricht die Melancholie einer anderen Welt. Wenn Marold von der Trostlosigkeit des ewigen, unerlösten Lebens der Geister singt, dann rührt sie trotz überwiegender Dur-Akkorde und ohne jede Gefühlsduselei zu Tränen. Ihre langsame Verwandlung in die bläulich glitzernde Sagengestalt des Donauweibchens erfolgt für Publikum wie den Protagonisten beinahe unbemerkt - bis es für Letzteren zu spät ist. Michou Friesz und Markus Kofler spielen das nach gemeinsamer Erlösung im Tod sehnende Geisterpaar: In ihren Gesten spiegelt sich die Müdigkeit jahrhundertelang rastlos umherwandelnder Seelen; getrennt begraben und damit des zweisamen Glücks beraubt, sind sie allabendlich gezwungen, den gemeinsamen Liebestod in der Donau zu wiederholen.

Thomas Gratzers Regie setzt auf ein Zusammenspiel großer Gesten und leiser Zwischentöne: Sie scheut weder den Einsatz visueller Effekte noch das Pathos, verliert sich dabei aber nie in einer reinen Demonstration theatraler Mittel um ihrer selbst willen. So gelingt ihm und seinem Ensemble ein bewegender, erheiternder, bitterböser und zeitgleich nachdenklich stimmender Abend über die Frage, wie das Neue entstehen kann, ohne das Alte zu verdrängen - und über die Macht des Todes über das Leben.