Von den Künsten umschwärmt, von der kulturell ausgehungerten Nachwelt gefeiert: Verdi, hier im Zentrum eines Relief-Monuments in Parma. - © Stephan Burianek
Von den Künsten umschwärmt, von der kulturell ausgehungerten Nachwelt gefeiert: Verdi, hier im Zentrum eines Relief-Monuments in Parma. - © Stephan Burianek

Parma. Ein kollektives Raunen enttäuschter Hoffnung vermischte sich in Parmas Teatro Regio mit dem abklingenden Applaus. Minutenlang hatte das Publikum versucht, Riccardo Chailly und die Mailänder Filharmonica della Scala für eine zweite Zugabe zu gewinnen. Doch nach dem Vorspiel zu Giuseppe Verdis "La forza del destino" war Schluss, die Musiker hatten schließlich noch eine Heimreise vor sich. Dem Stück war ein Konzert mit mustergültig ausbalancierten Spannungsbögen vorausgegangen, das Programm hatte ausschließlich aus Ouvertüren von Verdi-Opern bestanden.

Die Enttäuschung nach dem frenetischen Beifall hatte ihren Grund womöglich auch im Rückfall in die italienische Realität. Radikale Sparmaßnahmen brachten die meisten Opernhäuser in den Vorjahren an die äußerste Grenze ihrer Funktionsfähigkeit, musikalische Höhepunkte sind rar geworden. Parma hat es besonders hart getroffen. Das Teatro Regio, eine herausragende Schatzkiste aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schaffte es bisher nicht auf die Liste der "Enti Lirici", jener Auswahl von Opernhäusern, die vom Staat als besonders schützenswert angesehen werden. Zudem wurde Parmas Bürgermeister im Vorjahr nach exorbitanten Korruptionsfällen abgesetzt, wichtige Sponsoren fielen aus. Seither ist das Teatro Regio, das mittlerweile weder über ein eigenes Orchester noch über einen eigenen Chor verfügt, vom Goodwill der Mitarbeiter und der Künstler abhängig, die sich mitunter mit Hungerlöhnen zufrieden geben müssen.

Das umjubelte Konzert unter Riccardo Chailly erschien vor diesem Hintergrund wie Balsam für die italienische Seele. Es bildete den Auftakt zum Verdi-Festival, dem heuer aufgrund des 200. Geburtstags des Komponisten besondere Bedeutung zukommt. Das Teatro Regio öffnet in diesem Monat ungefähr so häufig wie ansonsten im gesamten restlichen Jahr. Neben drei weiteren Konzerten finden zwei Opernproduktionen statt. Hinzu kommen fünf "Falstaff"-Aufführungen im Teatro Verdi, einer Miniversion des Teatro Regio in Busseto nahe Parma. Unweit von Busseto, in einem kleinen Nest namens Roncole, wurde Verdi am 10. Oktober 1813 geboren.

Verlassenes Opern-Museum


Wer Verdis frühe Wirkungsstätten und Parmas Opernmuseum dieser Tage aufsucht, findet sie weitgehend verlassen. Das überrascht und ist logisch zugleich: Zu Beginn dieses Jahres war aufgrund der finanziellen Situation noch kein einziger Künstlervertrag unterzeichnet, die Werbetrommel setzte sich behäbig und allzu spät in Gang.

Das Haus war dennoch gut gefüllt, als sich am Tag nach dem Eröffnungskonzert der Vorhang für eine traditionell gehaltene Inszenierung von "Simon Boccanegra" (Regie: Hugo De Ana) erneut hob. Verdis düster-dramatisches Werk über die Abgründe von Liebe und Macht war im Teatro Regio erstmals seit der Premiere dieser Inszenierung im Jahr 2004 zu sehen. Der junge Maestro Jader Bignamini führte die Filharmonica Arturo Toscanini verlässlich durch die Partitur. Unter den routinierten Sängern stach vor allem Carmela Remigio mit ihrer sicheren Intonation als Boccanegras Tochter Maria hervor; der präzise Chor ging ebenfalls unter die Haut.

Die Parmigiani strömten nach der Vorstellung sichtlich zufrieden in die pittoresken Straßen der Altstadt, vorbei an den beleuchteten Schaufenstern, in denen die Liebe zu ihrem Superstar zelebriert wird: Verdi in jeder Größe und Form, zwischen Pralinen und Weinflaschen, neben Schuhen und Hüten. Und doch unterscheidet sich Parma von vergleichbaren Orten, in denen historische Größen mit abgebrühtem Marketingkalkül zu Geld gemacht werden. Die Präsentationen wirken weniger aufdringlich, nicht so kitschig. Sie richten sich nicht an ausländische Touristenhorden. Man wünscht sich fast, dies möge sich ändern und das "Verdiland" jene allgemeine Bedeutung erlangen, die es verdient. Am 18. Oktober wird Verdis Oper "I masnadieri" in einer neuen Inszenierung von Leo Muscato Premiere feiern. Vielleicht hat sich das bis dahin auch international herumgesprochen.

Das Festival läuft noch bis zum 31. Oktober; www.teatroregioparma.it