"Die Puppe ist am Punkt": Don Quijote und der Puppenspieler Nikolaus Habjan auf Abenteuersuche. - © Foto: Schuberttheater
"Die Puppe ist am Punkt": Don Quijote und der Puppenspieler Nikolaus Habjan auf Abenteuersuche. - © Foto: Schuberttheater

Wien. Der Kopf ist aus Schaumstoff geschnitzt, die Haut mit Latex überzogen, die große Nase und die tiefen Furchen im Gesicht sind aus Modelliermasse geformt, die Augen aus Glas - aber die Abenteuer der zusammengepappten Figur sind Legende.

Es ist Don Quijote, der mit Sancho Pansa erneut den Kampf gegen die Windmühlen aufnimmt. Der Ritter von der traurigen Gestalt wird vom Puppenspieler Nikolaus Habjan zum Leben erweckt. Miguel Cervantes Meisterwerk und Klassiker der Weltliteratur feiert heute, Mittwoch, in einer Bühnenbearbeitung im Schubertheater Premiere.

"Ich hasse Berieselung"


"Von Don Quijote lernt man, dass Scheitern nicht zwangsläufig negativ und ein Sieg nicht unbedingt siegreich ist", sagt Habjan im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der 26-jährige Grazer wirkt seit 2008 am Wiener Schuberttheater, das er mittlerweile gemeinsam mit Regisseur Simon Meusburger leitet. Die Bühne in einem ehemaligen Pornokino auf der Währinger Straße bietet Platz für 80 Besucher und hat sich in den vergangenen Jahren als eine der bemerkenswertesten Spielstätten der freien Szene etabliert.

Gespielt wird nahezu ausschließlich Puppentheater für Erwachsene. Die Abgrenzung zum Kindertheater ist Habjan wichtig, da man sonst schnell "aufs Kasperltheater reduziert" werde. Im Repertoire finden sich vielmehr bizarre Stücke wie der Georg-Kreisler-Abend "Schlag sie tot", skurrile ("Herr Berni macht Urlaub") und popkulturelle Aufführungen ("Becoming Peter Pan - An Epilogue to Michael Jackson"). Keineswegs geht es um l’art pour l’art, gesellschaftspolitische Inhalte sind im Schuberttheater Programm - Habjan: "Ich hasse Berieselungsabende."

Bestes Beispiel: "F. Zawrel - erbbiologisch und sozial minderwertig". Habjan verhandelt in dem Stück die Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel, der seine Kindheit im berüchtigten NS-Erziehungsheim Spiegelgrund verbrachte und in den Nachkriegsjahren den Kampf gegen einen seiner ehemaligen Peiniger, Heinrich Gross, aufnahm.

Am 22. März 2012, am Abend vor der "F. Zawrel"-Uraufführung, spielte Habjan das Stück Friedrich Zawrel exklusiv vor. Wäre dieser mit der Darstellung seiner Biographie nicht einverstanden gewesen, hätte Habjan es abgesetzt. Doch Zawrel war begeistert. Die Aufführung wurde zu einem der größten Erfolge des Schuberttheaters und brachte der Bühne 2012 den Nestroy-Theaterpreis ein. Bis heute steht es auf dem Spielplan, ist regelmäßig ausverkauft. Auch hält Habjan weiterhin Kontakt zu Zawrel: "Vor und nach jeder ‚F. Zawrel‘-Aufführung rufe ich ihn an und erzähle ihm, wie der Abend gelaufen ist."

Als Puppenspieler hatte Habjan bereits Gastauftritte in diversen Aufführungen - von Open-Air-Projekten wie "Fly Ganymed" im Theseustempel über die Oper "Die verkaufte Braut" in Mainz - Habjan: "Oper und Puppentheater ist das Beste: Da ist ganz großes Gefühl im Spiel" - bis zum Burgtheater, wo ihn Direktor Hartmann als Shakespeare in "Fool of Love" und zuletzt als Elfriede Jelinek in "Schatten (Eurydike sagt)" besetzte. Solche Engagements sind existenzsichernd, vom Schuberttheater allein könnte der Theatermacher nicht leben. "Wir sind auf einem guten Weg", so der Optimist Habjan. "Noch vor kurzem wussten wir nicht, ob wir hier überhaupt die Miete zahlen können."

"Die Puppe ist ganz pur"


Habjan hat in Graz Musiktheaterregie studiert und später beim australischen Puppenspieler Neville Trantner das Handwerk gelernt. Wie sein berühmtes Vorbild spielt auch Habjan ausschließlich mit selbst gefertigten Klappmaulpuppen. "Das funktioniert ganz einfach, meine Hand steckt im Kopf, dadurch bin ich der Puppe ganz nah. Das eröffnet größere Freiheiten als etwa das Spiel mit einer Marionette."

Was ihn am meisten am Puppenspiel fasziniert? "Die Puppe ist immer am Punkt, ganz pur, da gibt es keine Kompromisse."