• vom 10.10.2013, 17:45 Uhr

Bühne


Oper

"Zumba kommt in meiner Oper nicht vor"




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Von Christoph Irrgeher

  • Uraufführung von Iain Bells "A Harlot’s Progress" am Sonntag an der Wien.

Düster blickt Iain Bell eigentlich nur für die Kamera. - © Peter M. Mayr

Düster blickt Iain Bell eigentlich nur für die Kamera. © Peter M. Mayr

Wien. Iain Bell ist eine Erscheinung. Das Gesicht stecknadelspitz, die Augen klein, das Hemd mit dem Tapeten-Blümchenmuster bis oben hin zugeknöpft. Und doch ist das kein kühler Brite. Also sobald er spricht. Dann dreht die Stimme helle Achterbahnkurven, sprudeln die Worte nur so, weiten sich die Augen zu Scheunentoren - oder wirken zumindest fast so groß wie jene Fleischmassen, die unter den kurzen Ärmeln hervorquellen. Ja, Iain Bell ist ein Workout-Jünger, war früher sogar Trainer: ein 40-Stunden-Job, als er noch nicht von seiner Kunst leben konnte. Und noch heute stählt er sich konsequent, eine Auslandsreise ist kein Hindernis: "Jeden Tag ab acht Uhr in der Mariahilfer Straße, wenn die aufsperren", sagt der 1980 Geborene am Ende eines Redeschwalls, wie stets mit einem Lächeln.


Nervt ihn nicht die Musik dort? Immerhin gehört Bell einem ziemlich erlauchten Berufsstand an: Der Mann aus London komponiert Opern. Natürlich: "Zumba kommt in meiner Oper nicht vor", sagt er, wieder schmunzelnd. Aber die Musik einer Beyoncé sei schon "gute Arbeit". Sein Tipp übrigens: beim Training Philip Glass hören. Aber wiederholt denn der US-Komponist nicht andauernd das gleiche? Bell: "Tu ich im Gym auch!"

Kein Wunder, dass er es auch am Komponistenschreibtisch nicht mit Ideologien hat. Mit dem - mitteleuropäischen - Tonalitätstabu braucht man ihm gar nicht erst kommen. "Warum anti sein? Es gibt genug Schlachten im Leben, die man ausfechten muss. Jeder Komponist hat seine Stimme, wichtig ist die Authentizität. Es gibt genug Arbeit für uns alle." Bell will leben und leben lassen - und keine Pflicht zur Monokultur. "An aggressiven Stellen benutze ich Chromatik und Atonalität, aber ich verwendete auch schöne, ästhetische Linien weil . . . weil ich bewegt sein will. Ich könnte mir kein Liebesduett in einem surrealistischen Tonfall vorstellen."

Arbeit bekommt er mit diesem Credo genug. Am Sonntag läuft die erste Oper des Briten im Theater an der Wien vom Uraufführungsstapel, 2014 startet Nummer zwei in Houston, und Nummer drei ist bereits in Planung. Der Arbeitsprozess beginnt immer gleich: "Ich bete die Stimme an!", seufzt Bell. Künstlerinnen wie Diana Damrau setzen seinen Kreativmotor erst in Gang.

Damrau war dann auch Muse jener Oper, die nun in Wien startet, ja mehr noch: Geburtshelferin. Die Sopranistin hat sich nicht nur mit der Titelpartie von "A Harlot’s Progress" befasst. Nachdem Bell sein Opernsujet in der gleichnamigen Kupferstichserie von William Hogarth (1697-1764) gefunden hatte - ebenso wie einst Strawinski in Hogarths "Rake’s Progress" -, rief er verzückt "Diana" an. Ihr Agent stellte dann die Verbindung zum Theater an der Wien her, das gerade das Strawinski-Werk spielte.

Ob man bei Bells Werk an Strawinski denken wird? Immerhin geht es da wie dort um den Niedergang eines Individuums, verdorben vom düsteren Moloch London. Bell winkt ab: Seine Musik schlage einen anderen Ton an, ebenso das Libretto von Peter Ackroyd. Wobei natürlich auch dieser "Aufstieg einer Hure" düster wirken soll: "Wir werfen einen ungeschminkten Blick auf Hogarths London."

Dort lebt, wie gesagt, auch Bell. Wie es um seine Sympathien für die Metropole steht? "Wenn man etwas mag, muss man auch seine dunklen Seiten akzeptieren." Wobei: "Mein London ist etwas hygienischer." Da ist es wieder, dieses Lächeln.




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Oper, Theater an der Wien

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Dokument erstellt am 2013-10-10 17:47:06


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