"Ich bin ein serbian girl", sagt die Dramatikerin Biljana Srbljanović. Für ihr jüngstes Theaterstück, ein Auftragswerk des Schauspielhauses, wurde sie in Serbien indes heftig kritisiert. - © Medija centar Beograd
"Ich bin ein serbian girl", sagt die Dramatikerin Biljana Srbljanović. Für ihr jüngstes Theaterstück, ein Auftragswerk des Schauspielhauses, wurde sie in Serbien indes heftig kritisiert. - © Medija centar Beograd

"Wiener Zeitung": Ihr jüngstes Stück, "Princip (Dieses Grab ist mir zu klein)", ein Auftragswerk des Schauspielhauses, wird am Mittwoch uraufgeführt. Sie verbinden darin historische und fiktive Figuren rund um das Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand, das zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Was interessiert Sie an dem historischen Stoff?

Biljana Srbljanović: Eigentlich interessiere ich mich gar nicht besonders für Geschichte. Mich beschäftigt die Gegenwart, ich lebe im und für den Moment. Bei der Archivrecherche für das Stück suchte ich deshalb auch nach Bezügen zur heutigen Gesellschaft - und fand diese schließlich in der Bewegung "Junges Bosnien".

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Gavrilo Princip, der 18-jährige Attentäter, war bekanntlich Mitglied dieser geheimen Vereinigung.

Die "Jungen Bosnier" waren linke Anarchisten, sie wollten das Land von der Habsburger-Herrschaft befreien. Sie traten aber auch für die Emanzipation der Frauen ein und lasen dieselben Bücher, die ich noch Jahrzehnte später gelesen habe. Hätte ich damals gelebt, wäre ich eine von ihnen geworden.

Die Protagonisten in Ihrem Stück schlittern völlig unbefangen in die Untergrundorganisation. Sie beschreiben aber auch die Folgen des Attentats: Inhaftierung, Folter, Hinrichtung.

Ich erlebte im Jugoslawien der 1990er Jahre einen ähnlichen Realitätsschock: Zu Beginn des Balkankriegs romantisierten auch wir den Widerstand. Wir engagierten uns nachgerade naiv politisch, ohne die Konsequenzen unseres Tuns abschätzen zu können. Und dann wurde während einer großen Demonstration ein Freund getötet. Das ist jener Moment, in dem du realisierst, das alles viel ernsthafter und tragischer ist. Es ist schrecklich, was den "Jungen Bosniern" in den Gefängnissen widerfuhr. Es ist die andere, die dunkle Seite der Revolution.

Diverse Untergrundbewegungen in Serbien verfolgten damals das Projekt, die Südslawen zu einem Staat zu vereinigen. Führte der Panslawismus in den 1990er Jahren auch zum Krieg in Ex-Jugoslawien?

Sicher. Die umfassende Macht der Geheimpolizei wurde damals aufgebaut, Kriegsverbrecher avancierten zu Untergrund-Stars, der Idealismus vieler Junger wurde missbraucht: All das war Ende des 20. Jahrhunderts in Serbien noch so virulent wie um 1914 - vielleicht reicht es sogar bis in die Gegenwart. Ich sehe durchaus eine Verbindung zwischen dem Attentat auf Franz Ferdinand und jenem auf Zoran Đinđić  2003: die Endlosschleife der Gewalt.

Đinđić war Schriftsteller, Vorsitzender der Demokratischen Partei und Ministerpräsident. In Serbien wurden Sie für "Princip" kritisiert.

Serbische Nationalisten beschimpften mich als Verräterin und warfen mir vor, ich würde Serbien die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuschieben. Das ist kompletter Unsinn. Jeder weiß, dass es nicht die Schüsse von Sarajewo waren, sondern dass vielfältige Machtinteressen zum Krieg führten, das Attentat zu einem willkommenen Anlass hochstilisiert wurde.

Im Westen wurden Sie 1999 bekannt, als Ihre "Kriegstagebücher" im deutschen Nachrichtenmagazin "Spiegel" veröffentlicht wurden, worin Sie über die Bombardements in Belgrad schrieben. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Es war schrecklich, aber ich leide nicht unter Selbstmitleid. Auch wenn es seltsam klingen mag, aber ich habe immer noch dieselben Gefühle wie damals. Ich war mir so sicher, dass wir den Krieg aufhalten könnten, wenn wir uns nur intensiv genug bemühten. Nach Kriegsende dachte ich, endlich ist es vorbei. Aber es ist nicht vorbei. Es wird nie vorbei sein, weil die Welt kein guter Ort ist. Ich war damals gegen Gewalt und bin es nach wie vor, aber nicht weil ich persönlich gelitten hätte, sondern weil es komplett falsch ist. Wenn man heute über einen Kriegseinsatz der USA in Syrien debattiert, denke ich immer noch, dass es grundfalsch ist, in fremde Länder einzumarschieren und ganze Städte zu bombardieren - nur weil es dort Diktatoren gibt. Nach allem, was ich erlebt habe, weiß ich, dass es letztlich nichts bringt. Gewalt ist und bleibt falsch.

Sie sind nach wie vor politisch engagiert, unter anderem via Twitter und Facebook.

Twitter ist die neue Medienmacht. Die sozialen Netzwerke sind ideale Instrumente, um sich zu organisieren. Man sollte sie nützen, um etwas Gutes zu bewirken. Es mag naiv und dumm sein, aber ich halte daran fest, dass wir die Welt verändern können, wenn wir uns einsetzen. Ich bin nicht zynisch geworden, trotz allem, was ich erlebt habe.

Wie geht man in Serbien selbst mit der Bewältigung des Krieges um?

Es wird alles verdrängt, das ist eines der größten Probleme dieses Landes. Viele Schwierigkeiten der gegenwärtigen serbischen Gesellschaft - es gibt häusliche Gewalt und staatliche Repression - wurzeln in einem fehlenden Bewusstsein für die unmittelbare Vergangenheit. Das Land ist arm, die Gehälter sind niedrig, es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit. Dadurch rückt der Existenzkampf für viele in den Vordergrund. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass ein Staat nur dann wirklich genesen und sich gut entwickeln kann, wenn eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit stattfindet - wobei es mir nicht um simple Schuldbekenntnisse geht.