Der üppige Zuschauerraum zeugt vom großen Ehrgeiz der Erbauer. - © Foto: Astana Opera
Der üppige Zuschauerraum zeugt vom großen Ehrgeiz der Erbauer. - © Foto: Astana Opera

Astana. Zu den zahlreichen Prestigebauten in der künstlichen kasachischen Hauptstadt Astana hat sich seit dieser Woche ein weiterer gesellt: das Opernhaus. Im Gegensatz zu den anderen, eher im futuristischen Stil gehaltenen architektonischen Highlights (eine Pyramide, ein schiefes Nomadenzelt, zwei goldene Türme und vieles mehr) ist der Neuzugang klassizistisch. Manche erinnert der mächtige weiße Bau an den Parthenon, manche an Walhalla, andere wiederum an das Bolschoi-Theater.

Weder Mühen noch Kosten wurden gescheut. Für das riesige Foyer wurde ausschließlich Marmor verwendet, der Zuschauerraum ist hingegen erstaunlich intim. Die muschelförmigen Logen sind nicht jedermanns Geschmack und auch die Rottöne (für Wände, Stühle und Vorhang) hätten aufeinander abgestimmt werden können. Über die kitschigen Fresken kasachischer Naturschönheiten breitet man lieber den Mantel des Schweigens. Insgesamt zeugt das Projekt von großem Ehrgeiz. Man will nicht nur das (flächenmäßig) drittgrößte Opernhaus der Welt sein, sondern es auch künstlerisch in eine Reihe mit altehrwürdigen Institutionen - wie Met, Scala, Opéra de Paris und Wiener Staatsoper - stellen. Zu diesem Zweck fand auch eine Konferenz internationaler Opernfachleute statt, um mit Intendanten aus London, Madrid, Shanghai oder Sofia Kooperationsmemoranden zu unterzeichnet.

Attila als Nationalheld


Man mag das auf einen ersten Blick als megaloman belächeln. Doch die Eröffnungspremiere zeigte, dass dementsprechende Ergebnisse nicht gänzlich auszuschließen sind: Für den großen Tag hatte man Giuseppe Verdis "Attila" gewählt, wohl deshalb, weil die Kasachen den Hunnenführer als einen der Ihren reklamieren und als ihren Nationalhelden betrachten. Über diese Tatsache lässt sich natürlich trefflich streiten, ebenso über die Frage, was denn diese Oper wirklich mit der historischen Figur zu tun hat. Sei’s drum.

Ungeachtet solcher Überlegungen wurde die Premiere zu einem überraschend großen Erfolg. Überraschend nicht etwa, weil man ihn dem Dirigenten Valery Gergiev, dem Bassisten Ildar Abdrazakov und dem Regisseur Pierluigi Pizzi nicht zugetraut hätte; überraschend vielmehr wegen der erstaunlichen Qualität der heimischen Kräfte. Der Chor sang so gut, dass man meinte, Pizzi habe ihn aus seiner italienischen Heimat mitgebracht. Ähnliches gilt für das neugegründete Orchester: Da lag zuerst die Vermutung nahe, Gergiev habe seine Leute aus dem Mariinski eingeflogen. Aber nein. Es handelte sich dabei um junge Künstler aus den kasachischen Konservatorien. Sie hatten vier Monate lang geprobt, anschließend das Werk zwei Wochen unter dem italienischen Dirigenten Marco Boemi intensiv einstudiert, ehe der Sankt Petersburger Maestro wie immer am letzten Tag einflog.

Ein Spielplan wurde noch nicht bekanntgegeben, man darf nichtsdestotrotz darauf hoffen, dass das neue astanische Opernhaus kein leerstehender Musentempel in der Steppe werden wird.