Tanz den Brecht: Bösch inszeniert am Burgtheater eine Grunge-Version der Mutter Courage und ihrer Kinder: (v.l.n.r.) Sarah Viktoria Frick, Andre Meyer, Maria Happel und Tino Hillebrand. - © apa
Tanz den Brecht: Bösch inszeniert am Burgtheater eine Grunge-Version der Mutter Courage und ihrer Kinder: (v.l.n.r.) Sarah Viktoria Frick, Andre Meyer, Maria Happel und Tino Hillebrand. - © apa

Die Waffe muss erst erfunden werden, die dieser Frau etwas anhaben kann. Mit knapp geschnittenem Bustier und Rüschenrock steht sie an der Bühnenrampe, die Hände kämpferisch in die Hüften gestemmt, die Schnürstiefel fest in den Boden des Burgtheaters gerammt: Wild-West-Pionierin und Piratenbraut in Personalunion.

Eines stellt die Schauspielerin Maria Happel von Beginn an klar: Ihre Mutter Courage nimmt es mit jedem Soldaten auf - nicht nur darin ist sie mit keiner ihrer zahlreichen Vorgängerinnen in der bewegten Rezeptionsgeschichte von Brechts Dramenklassiker zu vergleichen.

Bertolt Brecht schrieb "Mutter Courage" 1939 innerhalb weniger Wochen im Exil. Die Zürcher Uraufführung 1941 mit Therese Giehse und Brechts Modellinszenierungen nach Kriegsende (mit Helene Weigel) begründeten den Weltruhm des Dramatikers. Das Anti-Kriegs-Drama hielt sich seit damals ungebrochen auf den Spielplänen und zählt bis heute zu den meistgespielten Werken überhaupt.

Brecht mit Retro-Charme


In "Mutter Courage" zeigt Brecht die Geschäftsfrau Anna Fierling, bekannt unter dem Namen "Courage", als gerissene Händlerin, die, geht es ums Geschäft, vor keinem noch so schäbigen Trick zurückschreckt. Sie will ihre drei Kinder in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges durchbringen. Am Rand der Schlachtfelder verhökert sie ihre Ware - und verliert dabei Kind um Kind.

Im Burgtheater stellt Maria Happel, jüngst häufig im komödiantischen Nebenfach besetzt, als Courage ihre erstaunliche schauspielerische Bandbreite unter Beweis - und die Widersprüche ihrer Figur souverän aus: Habgier und Herzlichkeit, Kaltschnäuzigkeit und Warmherzigkeit liegen hier manchmal nur den buchstäblichen Wimpernschlag (oder einen Hüftschwung) voneinander entfernt. Happel ist das Epizentrum des Abends, zugleich markiert sie das Problem der zweistündigen Aufführung: Neben ihrer Vitalität verblassen die meisten anderen Figuren - wirken holzschnittartig (Tilo Nest als Koch) und grell überdreht (Regina Fritsch als Yvette Pottier). Am besten vermag noch Sarah Viktoria Frick als stumme Tochter Kattrin der Übermutter die Stirn zu bieten.

Es scheint, als ob Regisseur David Bösch, Spezialist für überbordende Bühnenfantasien und Klassikerneuinterpretationen, das Stück ein wenig aus den Augen verloren habe. Die Inszenierung zerfranst im Verlauf der Handlung, das Grauen des Krieges erhält den pittoresk-poetischen Anstrich eines Schauermärchens; die karge Bühnenlandschaft ist überfrachtet mit Brecht-Zitaten, die dem Unternehmen einen eigentümlichen Retro-Schick verleihen: Angefangen vom scheinbar unvermeidlichen Planwagen, der mit blinkenden Lichterketten ausgestattet ist, über die Wäscheleine bis zum Rundprospekt, der kunstvoll mit Farbe angeschmierter ist (Ausstattung: Patrick Bannwart). Auch Paul Dessaus Musik, eingerichtet von Bernhard Moshammer und auf der Bühne von einer fünfköpfigen Combo dargebracht, erweist sich streckenweise als etwas halbherziges Zitat. Bösch und Team versuchen, Brecht mit viel Respekt für dessen Modellinszenierung in die Gegenwart zu hieven. Mit mäßigem Erfolg: Die Barbarei des Kriegs und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit geraten in dem poetischen Bilderreigen bald ins Hintertreffen. Was bleibt, ist ein Abend, der sich im leeren Spiel der Gesten gefällt.