Theater auf dem Theater, mit vielen kunstideologischen Liebeserklärungen, getarnt als Selbstbezichtigung. Mal wird das Bühnenvolk "morbide Elite", mal die Profession der Schauspielerin "eine Hure mit gutem Gedächtnis" genannt. Figuren und deren Vergangenheit und Gegenwarten purzeln durcheinander während der Proben zu einer Szene, die an Richard Burton und Liz Taylor in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" erinnern will. Bis endlich "Der letzte Vorhang" fällt. So heißt die fingerfertige, bis zum Rosamunde-Pilcher-Finale überkandidelte Bastelarbeit der als Autorin wie Theaterprinzipalin erfolgreichen Niederländerin Maria Goos, Jahrgang 1956.

Typisch für ihre kühl kalkulierende Komik der Einstiegsgag. Die Schauspielerin hat zu sagen: "Nicht weinen, meine Kleinen. Papi ist schon unterwegs mit der Flasche." Tröstet sie ein greinendes Baby? Nein, sie spricht zu schmelzenden Eiswürfeln im Wodkaglas und sieht den schnapsseligen Partner Nachschub bringen.

Karge Kost für Abonnenten

Dieser gealterte und versoffene Schauspieler mit Namen Richard verbraucht als Gegenüber eine Jojanneke und eine Karin. Bis er sich endlich mit Lies zusammenrauft, mit der er auf der Theaterschule war und lange zusammengearbeitet hat. Nach Rückblenden in diese wilden Jahre schaffen sie die Premiere. Doch der erste Vorhang ist auch der letzte. Am Tag danach verwandelt sich Richard in den Ehemann von Lies. Die flüchtet mit ihrem Wouter aus der "morbiden Elite", aus dem emotional überstrapaziösen holländischen Theatermilieu, in die gesunde Idylle einer Villa im sonnigen Süden Frankreichs.

Leslie Malton und Peter Kremer teilen sich die sieben Rollen auf der neuen Bühne der Kammerspiele. Mit dem figurenreichen Musical "Catch Me If You Can" wurde sie vor einem Monat eröffnet. Die glamourösen Showkulissen sind weggeräumt. Nackte schwarze Wände, ein einsames Breitwand-Ledersofa. "Zehn Schilling für d’Schrammeln und morg’n fress’n ma Grammeln": Die Abonnenten wurden sofort wieder auf Schonkost gesetzt und spüren das. Spärlich die Lacher, nur höflich der Applaus.

Sind Leslie Malton und Peter Kremer die Richtigen für dieses Rollen-und-Zeiten-wechselt-euch-Spiel? Schon vor 20 Jahren hat sie George Tabori zu einem Bühnenpaar verschweißt. Peter Kremer springt virtuoser durch die Rollenreifen als über die Zeitbarrieren. In den Rückblenden bleibt er als Junger so steif und nasal-brummbärig wie in seinem Bühnenheute. Der Josefstädter Schauspieler André Pohl, diesmal Regisseur, drückt dort auf die Tempotube, wo nicht nur Kremer, sondern auch das Publikum Mühe hat, den Verstrickungen und Arabesken des Textes zu folgen. In der Vorzeige-Parade, im Stresstest darstellerischer Verwandlungskunst marschiert Leslie Malton souverän voran. Sie muss als talentlose Nervensäge starten und wieselt zeitlos apart und dabei aufregend genau durch alle Gefühlsnuancen bis zum Schwips-Exzess. Ein amüsantes Wiedersehen mit der Neo-Berlinerin nach vielen Jahren Wien-Absenz.