(irr) Was wäre, wenn das schönste aller Opernliebespaare als schreiender Kontrast aufträte? Wenn im Herzen des Dichters Rodolfo nur Platz für ihn wäre und Mimì als kühles Wesen vor sich hinsiechte? Ohne Zweifel: Der Regisseur dieser "Bohème" würde in Wien gegrillt.

Tatsächlich braucht es für ein solches Ereignis gar kein Regietheater. Am Mittwoch stellte es sich unter den gegenteiligen Bedingungen ein, nämlich bei jener "Bohème", die Franco Zeffirelli vor einem halben Jahrhundert für die Staatsoper geschaffen hat. In dieser Zeitkapsel ist nun Vittorio Grigolo aktiv. Nichts gegen das Timbre des 36-Jährigen: ein Schmelztenor reinsten Wassers. Sein Rodolfo macht nur leider den Eindruck, als hätte er sich vorab mit einem Hektoliter Stierdosenkoffein gedopt. Kein Akzent, den dieser Sänger nicht springteufelartig in ein akustisches Detonationsgeschoss verwandeln würde. Wenn er dann auf einen Tisch hopst, meint man fast, der hochstarrende Marcello würde ihn anflehen, doch bitte, bitte ein bisschen weniger zu übertreiben.

Kühle versus Gigawatt-Sound


Was macht man da als - zumindest librettogemäß - geliebte Mimì? Angela Gheorghiu singt eine Art Antithese. Ohnedies nicht mit der weltgrößten Stimme gesegnet, lässt sie ihren taukühlen Schönklang weitgehend gewichtlos dahingleiten. Eine Ohrenweide - rein musikalisch. Ein gefühlsechter Dienst an Puccini war dies aber ebenso wenig wie Grigolos Gigawatt-Sound. Eine kuriose Aufführung mit starkem Ensemble: Der touristisch durchsetzte Jubel galt zuletzt auch einer prägnanten Musetta (Valentina Nafornita), einem beherzten Marcello (Gabriel Bermúdez) und dem teils knalligen Dirigat von Philippe Auguin.