Aufgeladene Spannung: Mauro Peter und Anja Kampe. - © T. Suter
Aufgeladene Spannung: Mauro Peter und Anja Kampe. - © T. Suter

"Er sterbe", mit diesen Worten aus dem Quartett im zweiten Aufzug stürzt Don Pizarro in der Rahmenhandlung zu Beethovens "Fidelio" in den grauen Einheitsbühnenraum, um seinen Widersacher Florestan zu töten. Dessen Gattin entreißt ihm die Pistole, doch noch bevor die befreiende Trompete die Ankunft des Ministers verkündet, hat sich ein Schuss gegen die Retterin gelöst, die in den Armen ihres Gatten stirbt. Mit dem Trompetensignal, das damit eine Art religiöses Befreiungssymbol erhält, setzt das Orchester mit dem zweiten Teil der Ouvertüre ein. Leonore erhebt sich wieder und träumt die Geschehnisse noch einmal, dieses Mal mit scheinbar positivem Ende.

Andreas Homoki hat in seinem neuen "Fidelio" am Opernhaus Zürich aber nicht nur eine Rahmenhandlung erfunden, sondern noch weiter kräftig in das mitunter schwierige Werk mit seinem biederen und langatmigen Dialogen eingegriffen. Da er und sein Team (Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Barbara Drosihn, Dramaturgie: Werner Hintze) den Abend in einem fast requisitenlosen Raum in zeitlosen Kostümen spielen lassen, sind die Dialoge bis auf wenige Stellen radikal gestrichen. Dass nun Musiknummer nach Musiknummer folgt, ist aber alles andere als ermüdend. Fabio Luisi erzeugt mit der Philharmonia Zürich eine sich aufladende Spannung, wie man sie sonst nur bei Originalklangensembles erlebt. Fantastisch, wie präzise die Balance zwischen Streichern und Bläsern austariert ist.

Neue Zusammensetzung


Die Idee, die Dialoge zu streichen respektive zu kürzen, ist nicht neu. Es ganz den Solisten zu überlassen, durch ihr Spiel die Handlung und das Innenleben der Protagonisten wiederzugeben, so radikal ist auch Homoki nicht. Die Namen der Personen werden beim ersten Auftreten auf die Rückwand filmartig projiziert, ebenso die Handlungsorte (wozu in einem abstrakten Raum?), und einmal müssen die alten Texte aus dem Libretto als Gedankenfetzen im Raum verteilt erschallen.

Eher noch unüblich für die Oper ist, dass Homoki und Luisi die musikalischen Nummern neu zusammengesetzt haben, was im Gesamtkonzept stimmig ist. Aber möglicherweise musste das Regieteam dafür einige Buhs einstecken. Im zweiten Aufzug geht es konventioneller zu, und für das oratorienhafte Schlussbild hat auch Homoki keine schlüssige Umsetzungsidee gefunden. Nur, dass wir zurückkehren zur Rahmenhandlung und Florestan seine tote Gattin in den Armen hält.

Mit Anja Kampe erlebt man eine erfahrene Leonore mit obertonreichem Sopran und flexibler Mittellage. Brandon Jovanovich als Florestan fühlt sich am wohlsten im Mezzoforte und im Forte, was man gleich beim "Gott" seiner Auftrittsarie mit dem hohen G erfahren muss. Bei Martin Gantners Pizarro vermisst man das rachsüchtige Element im Spiel, zudem ist sein Bariton zu hell für die Partie. Rollendeckend gibt Christof Fischesser den Opportunisten Rocco, Julie Fuchs ist eine interessante Marzelline.