• vom 12.12.2013, 16:42 Uhr

Bühne

Update: 12.12.2013, 16:56 Uhr

Breiviks Erklärung

Viel Lärm um nichts




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Von Kai Krösche


    Mörderische Worte: Sascha Ö. Soydan rezitiert. - © Thomas Müller IIPM

    Mörderische Worte: Sascha Ö. Soydan rezitiert. © Thomas Müller IIPM

    Anders Breivik hat am 29. November 2011 77 Menschen ermordet. Vor Gericht gestellt, hat Breivik eine selbst geschriebene Erklärung verlesen, in der er seine Tat, unterfüttert mit vermeintlichen Fakten, rechtfertigen wollte. Diese Erklärung nahm der Schweizer Theatermacher Milo Rau wiederum zum Anlass, daraus eine Theaterperformance zu kreieren: Sascha Ö.

    Information

    Theater
    Breiviks Erklärung
    Von Milo Rau / IIPM
    Garage X


    Soydan, eine schwarzhaarige Frau, spricht 80 Minuten lang betont neutral, mit wiederkehrenden Blicken in eine Kamera, deren Bild auf eine Leinwand projiziert wird, Breiviks Text ins Mikro - nicht mehr, nicht weniger.

    Damit touren Rau, Soydan und sein IIPM (International Institute of Political Murder) nun durch Europa und werden dabei, anders als in Wien, wo der Spielort in der Akademie der bildenden Künste - fast zur Enttäuschung des Regisseurs, so bekommt man den Eindruck - nicht gewechselt werden musste, überraschend häufig von den jeweils zunächst angepeilten Aufführungsorten ausgeladen, um dann ein Ausweichquartier finden zu müssen: Zu provokativ ist der Abend für die meisten Theater.

    Vielleicht, dieser Gedanke drängt sich einem immer und immer wieder an diesem zähen Abend auf, auch einfach zu platt, zu gewollt. Das anschließende Publikumsgespräch bestätigte lediglich die bereits vorher empfundene Befürchtung: Da ist seitens Rau die Rede von einer "Banalität des Bösen", von der angeblichen Nähe zu den Ansprachen gewöhnlicher Rechtspopulisten; würde man nur 20 bis 30 Sätze aus Breiviks Erklärung streichen, so Rau, habe man im Prinzip ein Schriftstück, das bereits in größeren Teilen der Gesellschaft konsensfähig sei.

    Ja, würde man es streichen, vielleicht. Tut man aber nicht. Tut man deshalb nicht, weil diese 20 bis 30 so gar nicht banalen Sätze eben den Kern von Breiviks verquerer Logik treffen. Nämlich dass der ganze von ihm herbeifantasierte "Kulturmarxismus" und die tödliche Gefahr, die von einer multikulturellen Gesellschaft ausgehe, eine Rechtfertigung für immer wiederkehrende, blutige Attentate sei.

    Der Saal ist spannender
    Der Rest der Rede ist in der Tat in großen Teilen dasselbe paranoide, tatsachenverdrehende, angst- und hasszerfressene, selbstmitleidige und unterm Strich einfach ganz entsetzlich dumme Geseier, das wir uns in den Reden europäischer (auch österreichischer) Rechtspopulisten oft genug anhören müssen, wenn vielleicht auch nicht derart ausschweifend wie bei Breivik. Sich selbst und seine eigenen Ressentiments in den Worten des Mörders wiederzufinden: Diese Gefahr jedenfalls besteht angesichts der kruden Schlussfolgerungen Breiviks zu keinem Zeitpunkt.

    So aber bleibt vor allem gähnende, frustrierende Langeweile; nicht einmal das vielleicht wenigstens wütend und ohnmächtig stimmende Gefühl, hier 80 Minuten den verkorksten Worten eines Massenmörders gelauscht haben zu müssen, tritt ein. Dafür bietet der Saal in der Akademie der bildenden Künste zu viele spannende Ablenkungen, vor allem im hinteren Deckenbereich, wo die historischen, in den Stein gehauenen Widmungen durch wohl von Studierenden identisch gestaltete, kritische Überhängungen konterkariert werden und damit in diesem Raum mehr aufrissen als der gesamte gezeigte Theaterabend.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2013-12-12 16:47:03
    Letzte Änderung am 2013-12-12 16:56:16


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