Zu Tisch: Chris Haring lädt zur frugalen Meditation. - © Haring
Zu Tisch: Chris Haring lädt zur frugalen Meditation. - © Haring

(pat) Im Zentrum stehen nicht die Tänzer, sondern eine kleine Handkamera. Der von einem Performer live geführte Aufzeichnungsapparat filmt Arme und Beine, vorzugsweise jedoch das ebenfalls auf der Bühne platzierte Obst und Gemüse - das Durcheinander von Gliedmaßen und Essbarem ist in XXL-Format auf der raumhohen Leinwand im Bühnenhintergrund zu erleben. Chris Harings Tanzperformance "Deep Dish - The Perfect Garden Series", die nun im Tanzquartier uraufgeführt wurde, ist eine 70-minütige Meditation zum weiten Feld der Sinneswahrnehmung.

Im Zentrum steht ein Esstisch, auf dem sich Lebensmittel türmen. Das Stillleben auf der Bühne der Halle G im Museumsquartier ist Forschungsgebiet: Kürbis, Erdbeere und Orange werden via Großaufnahme untersucht, Kohlköpfe verwandeln sich in surreal anmutende Kraterlandschaften, Orangen mutieren zu grellfarbenen Mondbezirken. Die Großaufnahme übt auf Filmemacher seit je Faszination aus, als Praxisinstrument und Gegenstand der Filmtheorie - von Epstein bis Deleuze. Im Close-up ändern sich die Eigenschaften der beobachteten Artefakte, bilden sich in enigmatischer Weise ab. Auf den ersten Blick erinnern die Aufnahmen, die Haring mit beachtlichem technischem Können auf die Leinwand bannen lässt, an "Leviathan", die suggestive Naturfilmbeobachtungsstudie von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor.

Haring zählt zu den profilierten Choreografen heimischer Provenienz, seine Compagnie Liquid Loft genießt internationale Anerkennung; die Performances der Gruppe koppeln regelmäßig zeitgenössischen Tanz mit verwandten Kunstformen. Bei "Deep Dish" geraten die Bewegungen der vier Tänzer auf der Bühne durch die Bildmacht der Kamera fast vollständig in den Hintergrund. "Deep Dish" will gewissermaßen Choreografie von Kamera, Linse, Zoom sein. Leider büßt die derart entworfene Bildsprache im Lauf des Abends an Stringenz ein, wirkt verspielt und nebulös - und verliert sich im diffusen Glanz der Großaufnahme.