Klamauk mit Goldlöckchen: Andrey Kaydanovskiy geht als Seele auf die Reise. - © Staatsballett/M. Pöhn
Klamauk mit Goldlöckchen: Andrey Kaydanovskiy geht als Seele auf die Reise. - © Staatsballett/M. Pöhn

Manuel Legris ist ein umsichtiger Repertoire-Planer. Klassiker, bevorzugt Nurejew-Inszenierungen, die das traditionell orientierte Wiener Publikum mit Sicherheit goutiert, sind die Magneten im Spielplan des Wiener Staatsballetts. Umsichtig tastete sich der Ballett-Chef dann an das neoklassische Ballett heran. Mit Erfolg - auch für die qualitative Entwicklung seines Ensembles. Und nun?

Mit der "Ballett-Hommage", sie feierte am Sonntag in der Staatsoper Premiere, geht Legris einen Schritt weiter: Zwischen William Forsythes "The Second Detail" und Harald Landers "Études", sie zeigen beide die Puristik des akademischen Stils, komplettiert die Uraufführung "Contra Clockwise Witness" der Jungchoreografin Natalia Horecna den Abend mit ihrer modernen Sicht auf das Erbe des klassischen Balletts. Legris setzt mit dieser eigens für das Staatsballett geschaffenen Kreation ein klares Statement in Richtung Modernisierung des Spielplans - ein lang gehegter Wunsch des Ballettchefs. Horecna geht einen anderen Weg: Nicht die körperliche Virtuosität steht bei ihr im Vordergrund, sondern die Ausdruckskraft und die Fähigkeit, die Seele zu offenbaren: wie András Lukács, der bei jeder Bewegung stöhnend seinen Freitod am Galgen wählt. Sein Körper zuckt, seine Mimik ist herzzerreißend. Doch sein Ende ist auch sein Anfang, denn seine Seele (ausdrucksstark: Andrey Kaydanovskiy) durchwandert Lebenssituationen - mit himmlischen und höllischen Begleitern in Nebelschwaden gehüllt.

Keine atmosphärische Dichte


Manchmal gespenstisch, manchmal purer Klamauk mit goldenen Lockenperücken, doch eine durchgehende atmosphärische Dichte stellt sich trotz interessanter Charaktere, Bewegungsmaterial und stimmigen Bildern nicht ein. Es mag an der Musik liegen, die - beschämenderweise vom Band und oft zu laut gespielt - zwischen Barockmusik und Tiger Lillies pendelt. Letztlich bekommt Lukács - "der Mann" - eine zweite Chance. Geht man von einer tiefgründigeren Betrachtung aus, bleibt jedoch die Entscheidung des Mannes, sich doch nicht zu erhängen, nebulos. Nur Engerln- und Bengerln-Spielchen wären da dann doch zu banal.

Forsythe gibt sich in "The Second Detail" erst gar nicht der Versuchung hin, dem Stück einen tiefenpsychologischen Hintergrund zu verpassen: Hier geht es um Virtuosität. Forsythe in Reinkultur, nämlich mit wechselnden Szenen- und Gruppenfolgen. Und Harald Landers Ballettschmuckstück "Études" zeigt in 18 Teilen das tagtägliche Exercise der Tänzer mit zwei herausragenden Solisten: Denys Cherevychko und Davide Dato brillieren mit Bühnenpräsenz und ihrer virtuosen Technik. Diese zeigt auch die Ballerina des Stücks, Kiyoka Hashimoto, jedoch lässt sie die ballerinenhafte Attitude vermissen. Wenigstens hier spielt das Orchester mit eindrucksvollen Soli unter Peter Ernst Lassen.