"Duell der Königinnen auf Augenhöhe": Martina Stilp spielt Schillers Maria Stuart, eine der tragischen Figuren der Weltgeschichte. Ihre Rivalin auf der Bühne: Andrea Eckert als Elisabeth I. - © Robert Newald
"Duell der Königinnen auf Augenhöhe": Martina Stilp spielt Schillers Maria Stuart, eine der tragischen Figuren der Weltgeschichte. Ihre Rivalin auf der Bühne: Andrea Eckert als Elisabeth I. - © Robert Newald

"Wiener Zeitung": Schillers "Maria Stuart" erzählt von den letzten Tagen der gleichnamigen schottischen Königin, die 1572 auf Befehl von Elisabeth I. hingerichtet wurde. Wie nähern Sie sich der historisch verbürgten Bühnenfigur?

Martina Stilp: Indem ich viel recherchiere und lese. Stefan Zweigs Auseinandersetzung mit Maria Stuart war für mich wertvoll, ich schöpfe aus seinen genauen Beschreibungen.

Wie würden Sie Maria Stuart beschreiben?

Als sehr stolze Frau, die - zumindest in unserer Fassung - allein auf sich gestellt um ihr Recht kämpft. Rhetorisch bestens geschult und inhaltlich versiert, fordert sie ihre Rivalin mutig heraus.

Ist Schillers Drama ein Lehrstück?

Ja, und zwar eines über Macht und Moral, aus dem aber keine der beiden Rivalinnen am Ende als moralische Siegerin hervorgeht. Maria Stuart wird als Ehebrecherin und Helferin beim Gattenmord vorgestellt. Ihre Verbrechen entspringen leidenschaftlichem Leichtsinn.

Und Elisabeth?

Diese geht für ihre Machtposition buchstäblich über Leichen. Im Grunde ist das erschreckend und irgendwie auch verrückt. Wären die Widersacherinnen Männer gewesen, hätte der Streit wohl viel schneller ein Ende gefunden.

Inwiefern?

Die männlichen Kontrahenten hätten ihren Anspruch auf die Krone vermutlich am Schlachtfeld ausgetragen. Bei Maria Stuart und Elisabeth zieht sich der Konflikt über Jahrzehnte hinweg. Am Ende ist Elisabeth die Mächtigere.

Auf der Bühne werden die Rivalinnen häufig als konträre Frauentypen inszeniert: leidenschaftliche Frau versus berechnender Machttypus. Auch am Volkstheater?

Nein. Wir lassen keine unterschiedlichen Frauenbilder gegeneinander antreten. Es ist vielmehr ein Duell von Königinnen auf Augenhöhe.

Wie nähert sich Regisseur Stephan Müller dem Klassiker?

Sein Zugang manifestiert sich über die Form. Für mich als Schauspielerin geht es darum, formal zu spielen, ohne dabei die Emotionen meiner Figur zu opfern. Die Herausforderung lautet: eine lebendige Person darzustellen, die gleichsam ein Meer an Gefühlen in sich trägt, die man auch wahrnehmen soll.

Schillers "Maria Stuart" gilt als Musterbeispiel eines klassischen Dramas. Wie geht die Umsetzung von Stil und Sprache vor sich?

Ein gut gebautes Stück, eine geschliffene Sprache helfen da immer. Ich fühle mich bei Klassikern gut aufgehoben. Schillers Sprache ist zweifelsohne schwierig und kantig, man muss zuerst den Kampf mit seinen Formulierungen austragen. Hat man diese Arbeit aber geleistet, wird man von Schillers Sprache beschenkt - das gesprochene Wort wird stark und präzise.

Von Ihrem Grazer Engagement her ist Ihnen Michael Schottenbergs Nachfolgerin Anna Badora ja bereits bekannt . . .

. . . das ist ein lustiger Zufall! Ich freue mich sehr für Anna Badora, und ich finde es gut, dass sie sich mit ihrer Art, Theater zu machen, in Wien zwischen dem Theater in der Josefstadt und dem Burgtheater positionieren kann. Sie ist europaweit vernetzt, wird Wien sicher aufmischen.

Sie interessieren sich für japanischen Kampfsport. Finden Sie noch Zeit für Ihre Aikido-Übungen?

Das Problem sind die abendlichen Trainingszeiten. Durch die Kung-Fu-Kämpfe auf der Bühne bin ich wieder auf den Geschmack gekommen - meine Leibgarde besteht ja aus Kung-Fu-Meistern, mit denen ich während der Proben improvisiert und ein wenig trainiert habe. Ich mag diese Art des Kampfsports. Mir gefällt die Philosophie dahinter: Aikido heißt der Weg der Harmonie mit geistiger Kraft. Also, benutze die Energie des Angreifers gegen ihn! Überzeuge ihn von der Sinnlosigkeit seines Angriffs.