Politisch und persönlich Gegnerinnen: Andrea Eckert (l.) als Elisabeth I. und Martina Stilp als Maria Tudor. - © Gabriela Brandenstein
Politisch und persönlich Gegnerinnen: Andrea Eckert (l.) als Elisabeth I. und Martina Stilp als Maria Tudor. - © Gabriela Brandenstein

Stephan Müller stellt seiner in rasantem Tempo ablaufenden Inszenierung der "Maria Stuart" einen Auftritt der "Trabanten" voran: Durchtrainierte junge Männer stürmen auf die Bühne, entledigen sich ihrer T-Shirts und demonstrieren ihr Können bei Kickbox- und Kung-Fu-Übungen. Diese choreografisch agierende Kampfsporttruppe ist fürs Grobe zuständig, als willige Handlanger der mehr oder minder fein gesponnenen Ränkepolitik am elisabethanischen Hof.

Müller zeigt in einer auf knapp zwei Stunden (inklusive Pause) zusammengestrichenen Kompaktfassung von Schillers historischem Trauerspiel sehr deutlich, dass nicht die Ikonen der Macht, sondern die im Hintergrund Agierenden die eigentlich Mächtigen sind. Vor einer verschiebbaren Bretterwand im Hintergrund stehen auf der leer geräumten Einheitsbühne (Michael Simon) Andrea Eckert (Elisabeth) und Martina Stilp (Maria Stuart) im Fokus des Geschehens: zwei
Society-Ladys, jede auf ihre Art elegant und hoheitsvoll. Die "jungfräuliche" Königin muss ihren Legitimitätsanspruch auf den englischen Thron behaupten; welcher - nicht immer legitimer - Mittel sie sich dabei zu bedienen hat, suggerieren ihr hingegen oft widersprüchlich argumentierende Staatsräte.

Doch auch Maria Stuart, in den Augen der Katholiken die rechtmäßige Herrscherin, ist nur eine Schachfigur der hohen Männerpolitik. Bei Schiller werden die beiden Frauen überdies privat zu Rivalinnen, sodass Elisabeth letztendlich auch aus persönlichen Gründen ihre Unterschrift unter das Todesurteil setzt.

Untergang der Überlegenen


Die Maria Stuart von Maria Stilp verfügt auch im Kerker über souveränes Auftreten, Mut und Entschlossenheit, sogar als sie nach der fatal endenden Konfrontation mit Elisabeth als moralisch Überlegene zurückbleibt, aber mit dem Wissen, ihr Schicksal endgültig besiegelt zu haben. Was umso bemerkenswerter ist, da sie völlig auf sich selbst gestellt ist, weil Müller sowohl ihre alte Amme und ihre Kammerfrauen, als auch ihren ehemaligen, heimlich zum Priester geweihten Haushofmeister Melvil kurzerhand eliminiert hat. Durch das Fehlen der Beicht- und Kommunionsszene gerät die Handlung im letzten Akt aus dem Lot, wenn die bereits zur Hinrichtung abgeführte Maria noch einmal allein an die Rampe tritt und sich selbst die Absolution erteilt.

Andrea Eckert zeigt eine kapriziöse, vor Entscheidungen zurückschreckende Königin, die Schmeicheleien sichtlich genießt, gegenüber dem französischen Gesandten (Rainer Frieb) kokett einen leisen Akzent anklingen lässt und Verantwortung gern auf andere abschiebt. Vor allem aber ist sie auf ihr fleckenloses Image vor der Öffentlichkeit bedacht.

Günter Franzmeier als ihr - insgeheim der Stuart zugeneigter - Günstling Leicester, der schließlich, um die eigene Haut zu retten, Maria zum Schafott geleiten muss, hebt sich als dandyhafte Erscheinung von den schwarz gekleideten Staatsräten Burleigh (Patrick O. Beck) und Shrewsbury (Erwin Ebenbauer) ab. Doch diese haben bei Müller ohnehin nicht allzu viel zu sagen. Paulet (Alexander Lhotzky) ist ein unkorrumpierbarer Hüter der königlichen Gefangenen, ohne zu ahnen, dass sich sein Neffe als Anführer einer Verschwörerbande zu Marias gewaltsamer Befreiung auf ein gefährliches Doppelspiel eingelassen hat. Jan Sabo sticht als Mortimer, der sein voreiliges Vertrauen zu Leicester mit dem Leben bezahlt, vor allem durch seinen brandroten Anzug (Kostüme: Birgit Hutter) hervor.

Fazit: ein ambitionierter und bemühter, nicht wirklich befriedigender Abend, der mit lautstarkem Jubel gefeiert wurde.