Virtuose Solisten einzeln und in kleinen Gruppen ausgestellt in einer übergroßen Museumsvitrine. Vor 125 Jahren wurde das Burgtheater am Ring eröffnet. Adolph von Sonnenthal gab den "Lear" ohne den Namen eines Regisseurs auf dem Theaterzettel. Akteure wurden auf die Riesenbühne hinausgeschickt und alleingelassen. Manche entzückten mit Natürlichkeit, andere mit Pathos.

Der große Peter Stein, mit 76 endlich Burgdebütant, hätte sich diskreter nicht bescheiden können. Seiner Antiregietheaterregie streut gewiss Daniel Kehlmann Rosen. Klaus Maria Brandauer kehrte als irr irrender König Lear nach langer Abwesenheit an die Burg zurück. Unter Jubel, wie zu erwarten. Dass der Sager "Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde" Szenenapplaus produziert, sollte den Regierenden zu denken geben.

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Surrealistisches Endspiel

Schwenkte Stein erst während der Proben auf den Museumsweg ein? In der Hochblüte des Absurden Theaters vor fünfzig Jahren wurde "Lear" durch die Brille Becketts gesehen. Der Bühnenrahmen (von Ferdinand Wögerbauer) wie aus scharf geschnittenen Marmortafeln erinnert an Roma-Termini, an Endstation, an Endspiel. Die Bühnenhalle leer, die drei Wände in Wechselfarben angestrahlt. Konzentration auf das Wort. Trotz Steins Politur der alten Graf-Baudissin-Übersetzung blieb zu viel heute kaum verständliche Rede. Dass der Narr den König als "Onkelchen" anredet, klingt mehr zaristisch als elisabethanisch.

Lear verteilt unter den Töchtern sein Reich. Brandauer thront eingehüllt im überkörperlangen Lederflickenmantel mit Innenpelz (Kostüme: Annemaria Heinrich). Vermummungsoptik, die das Wort dämpft, stranguliert. Kaum Königswürde, kaum Alterswürde. Ein Mensch wie von allen gu-
ten Geistern verlassen. Erst im ersten großen Ausbruch, wenn
er gegen jede Widerrede tobt, nimmt Brandauer, begleitet von einem Donnerschlag, das Spielfeld in Besitz.

Solch raumgreifende Aktionen unterbrechen zu selten das höfische Herumstehtheater. Unter den bleifüßigen Hochgeborenen fällt sofort Fabian Krüger auf. Ein Körper dauernd in Bewegung. Und Joachim Bißmeier als Gloster mit einer Sprechstimme, die den anderen Guten unter den vorchristlichen Fürsten, Branko Samarovski als Kent, deklassiert.

Drei Narren - und jeder anders. Der professionelle Spaßmacher, der Simulant Edgar, der altersdemente Lear. Michael Maertens gleicht als Hofnarr einem Comic-Marienkäfer, der aufrecht zu gehen versucht. Hohes Zirpen, köstliche Verrenkungen, eher Streicheltier als Vollblutkomiker. Krüger fast nackt, mit Schlamm beschmiert: Körper- und Sprachcamouflage, die eine roh, die andere überkandidelt. Klaus Maria Brandauer sitzt, steht, schreitet schleppend. Ein Belasteter. Doch vom Urschrei bis zum Tremolo hastet seine Stimme flink durch alle Klaviaturen. Mit einer Strohkrone auf dem Kopf fantasiert
dieser Lear von einer besseren Welt. Auch mit guten Worten für Obdachlose spricht er das Publikum direkt an. Bart und Langhaarperücke mummeln ein Elendsgesicht ein. Als Leiche sitzt Lear aufrecht wie ein Buddha und starrt uns an. Fragend, ohne Hoffnung auf Antwort.