Die Blickkontaktsuche publikumswärts gehört ins elisabethanische Handwerk wie in die altväterische Klassikerpflege. Nicht nur die Narren, auch die Höfischen spielen oft über die Rampe.

Theater für den Kopf

Makellose Bösartigkeit zeigen Corinna Kirchhoff als Goneril und Dorothee Hartinger als Regan. Von solchen Königstöchtern könnten Selbstquäler träumen. Gutherzigkeit ist schwieriger zu zeigen. Pauline Knof entkommt als Cordelia dem Klischee von jugendlich-naiv. Kühle Perfektion bringen Cordelias Freier nach England: Sven Philipp und Daniel Jesch (der auch der verbogene Haushofmeister ist). Martin Reinke und Dietmar König passen als Lears Schwiegersöhne nahtlos ins statische Bild wie auch Franz J. Csencsits, Rudolf Melichar, Peter Wolfsberger, Sven Philipp als Helfer der Handlung. Shakespeare verbrauchte ein halbes Dutzend Briefe, um sie immer wieder anzuschieben. Zwischenträger, Brieffälscher ist Edmund, Glosters Bastard. Michael Rotschopf gibt ihn als sonnengebräunt strahlenden Bösewicht. Er fällt im finalen Duell mit schweren Bihändern.

Alle Theoretiker der absurden Groteske bauen auf den vom Sohn Edgar inszenierten Sprung des geblendeten Gloster von der Klippe. Diese Illusion verliert sich in der Bühnenweite, aber tut ihren Dienst im Kopf. Wie beim Lesen des Buchs. Viel mehr als dort in romantisch-deutscher Zurichtung steht, wollte uns Peter Stein nicht zeigen. Es sei ihm gedankt.

Theater
König Lear
Von William Shakespeare
Peter Stein (Regie)
Mit Klaus Maria Brandauer
Burgtheater