"Die Nähe zu Wien ist ein Standortvorteil" , sagt Bettina Hering, sie leitet das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. - © R. Newald
"Die Nähe zu Wien ist ein Standortvorteil" , sagt Bettina Hering, sie leitet das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. - © R. Newald

"Wiener Zeitung": Welche Rolle spielt das Landestheater in St. Pölten?

Bettina Hering:Viele unserer Besucher identifizieren sich mit dem Landestheater, sind hier angedockt. Das ist wichtig, darin liegt unsere Chance. Wir machen Theater für eine kleine Stadt, aber wir denken nicht klein. Die Nähe zu Wien erachte ich daher als Standortvorteil, da es zum Beispiel für viele Schauspieler attraktiv ist, in Wien zu leben, und auch für das theaterinteressierte Publikum ist die Anreisezeit von knapp 25 Minuten mit dem Zug immer öfter eine Option, zu uns zu kommen.

Sie haben in St. Pölten jüngst das Bürgertheater ins Leben gerufen, das eine jährliche Aufführung mit Laien umsetzt. Welche Erfahrungen haben Sie bislang damit gemacht?

Überaus gute. Verglichen mit dem Vorjahr haben sich die Anmeldungen verdreifacht. Es gibt offenbar ein reges Interesse, sich an kreativer Arbeit zu beteiligen. Die sogenannten Bürgergespräche kommen ebenfalls gut an. Das Theater funktioniert hier wirklich als Ort der Begegnung und Diskussion.

Worum geht es beim diesjährigen Bürgertheater?

Wir setzen uns mit dem Werk Ödön von Horváths auseinander, der Arbeitstitel lautet "Geschichten aus dem Horváth-Land". Von Horváths Prosa heißt es oft, sie sei als Kunstsprache intendiert. Das wollen wir mit Laiendarstellern überprüfen. Der Autor hat daneben präzise Porträts von Menschen aller Couleurs entworfen. Auch das wollen wir uns genauer ansehen .

Wie steht es zur Halbzeit der Saison mit der Auslastung?

In der letzten Spielzeit hatten wir eine Auslastung von 92 Prozent. Dieses Jahr werden wir einen ähnlich hohen Wert erzielen. Die Abonnentenstruktur hat sich verändert, vermehrt werden Wahlabos gelöst, wir konnten insgesamt eine Steigerung von 20 Prozent verbuchen. Die Familienabos wurden regelrecht gestürmt, bei den Kindervorstellungen sind wir derzeit am Limit.

Gibt es für Sie persönlich ein zentrales Stück in der zweiten Hälfte der Spielzeit?

Neben der Ausgrabung von Pierre Corneilles "Horace" und der Uraufführung von "Tagfinsternis" von Julya Rabinowich sicherlich die deutschsprachige Erstaufführung von Attila Bartis furiosem Stück "Meine Mutter, Kleopatra" in der Regie des ungarischen Regisseurs Róbert Alföldi, der aufgrund der repressiven Politik der Regierung Orbán als Intendant des ungarischen Nationaltheaters entlassen wurde. Eine brisante und verstörende Arbeit, die den Einbruch der Politik ins Private thematisiert.

Wie beurteilen Sie Anna Badoras Karrieresprung von der Grazer Landesbühne zur Neo-Intendantin des Wiener Volkstheaters?

Anna Badora leitete bereits in Düsseldorf ein großes Haus, sie ist eine erfahrene Intendantin. Es ist nur folgerichtig, wenn sie nun eine große Bühne in Wien leiten wird. Für Wien wird das sicher spannend, weil Badora international gut vernetzt ist und der Stadt neue Impulse bescheren wird.

Könnte das eine wirksame Karrierestrategie für Frauen sein: die Landesbühne als Trainingslauf für die Großstadtbühne?

Möglicherweise. Dieser Karriereweg funktioniert ja auch für viele Männer. Im Prinzip ist ein kleines Haus eine gute Schule, um Erfahrungen zu sammeln und Führungsfähigkeiten zu entwickeln: Wir machen die gleiche Arbeit wie eine Großbühne, nur mit kleinerer Mannschaft. Vielleicht liegt darin wirklich eine Chance, um die Geschlechterverhältnisse à la longue in der männlich dominierten Theater-Hierarchie zu normalisieren.

Könnten Sie sich vorstellen, eine Wiener Bühne zu leiten?

Gegenfrage: Warum denn nicht?