Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass dieser Mann schier alles kann, wurde er am 30. August 1986 erbracht. An diesem Tag jubelten die Massen Plácido Domingo ausnahmsweise nicht als Opernsänger zu. Sondern als Fußballer im Wiener Hanappi-Stadion. Der Spanier war für ein Benefizspiel ins Sportlertrikot geschlüpft und siegte beim Match "Oper gegen Pop" mit seinem Team 1:0. Wobei man natürlich zugeben muss, dass der entscheidende Treffer damals vom Bass Kurt Rydl kam. Und dass die Mitwirkung eines gewissen Domingo-Fans in den eigenen Reihen - namentlich Hans Krankl - für den Spielverlauf nicht ganz unentscheidend war. Einen gewinnenden Eindruck hat Domingo trotzdem gemacht.

Und vor allem: ein Opernstar am Fußballfeld? Das war damals, als sich die Intelligenzija noch nicht wortreich an Europa- und Weltmeisterschaften beteiligte, eigentlich fast noch ein Sakrileg. Ein Domingo hatte aber wohl kaum Standesdünkel. Snobismus liegt ihm fern. So hoch ihn das Karrierekatapult auch schleudert: Domingos Auftreten vermittelt stets Demut, Natürlichkeit - und eine Offenheit, die über Hochkulturgrenzen hinausreicht.

Von der Bar zur Bühne


Diese Sicht wird dem 1941 geborenen Madrilenen schon in die Wiege gelegt. Seine Eltern treten in Zarzuelas auf, dem spanischen Pendant zur Operette; der Junior packt bald jede Musiziergelegenheit beim Schopf: Klavierabende in den Bars von Mexiko - die Familie ist dorthin gezogen -, kleine Rollen im Fernsehen und Musical bilden das Präludium zur Opernkarriere. Die Selbstverständlichkeit, mit der Domingo später auf mancher Platte U-Musik-Grenzen überschreitet, dürfte aus dieser Zeit rühren. Perfektionieren wird er sein Crossover freilich in den 90er Jahren. Die Konzerte der drei Tenöre beweisen dann, wie stark der Ruhm der Herren Domingo, Carreras und Pavarotti monetär zu Buche schlagen kann. Domingo wird den seinen allerdings auch für viele Charity-Auftritte nutzen.

Helden, Künstler, Postler


Ein Ruhm, der freilich nicht über Nacht kommt. Während Domingo als 18-Jähriger erstmals auf einer mexikanischen Opernbühne steht, zieht es ihn bald für einige Jahre nach Tel Aviv. Die Tür zur Weltkarriere öffnet sich aber erst über die New York City Opera. Nach einem Auftritt in Alberto Ginasteras "Don Rodrigo" geht es Schlag auf Schlag: Im gleichen Jahr reüssiert Domingo in Barcelona, rasch in Berlin, Wien, Verona. Bis zum Debüt bei den Salzburger Festspielen 1975 hat er so ziemlich alle führenden Häuser erstmals betreten - und elektrisiert. Stimmt zwar: Andere Stimmen sind im Spitzentonbereich firmer. Der frühe Domingo bezwingt dafür durch sein warmes Timbre, das er zu Phrasen von höchster Innenspannung verdichtet: Sein Ton ist von dramatischem Sinn erfüllt. Nur wenige Opernkünstler vermögen Schauspiel und Gesang so sinnfällig zu verquicken wie dieser Mann.