Natürlich könnte das alles auch Absicht gewesen sein. Spielen wir es kurz in der Theorie durch: Plácido Domingo, der mittlerweile 72-jährige, doch weiterhin begnadete Opernsänger, ist der einfachen Erfolge auf der Bühne müde. Also peilt er eine etwas andere Premiere an. "Tut euer Schlimmstes!", ruft er dem Produktionsteam in der ersten Besprechung zu. Das traut seinen Ohren nicht, tut dann aber doch, wie ihm geheißen.

Kevin Knight, Bühnenbildner, lässt also einen hässlichen Betonbrocken über den Sängern schweben. Zudem stellt er eine schräge Fläche auf, die Domingos Schauspielkunst bestmöglich hemmt. Mattie Ullrich, Kostümbildnerin, gibt gleich alle Darsteller der Lächerlichkeit preis. Sie packt die Sänger in kosmopolitische Faust-aufs-Auge-Kreationen, deren wunderlichste vielleicht die scharlachroten Richterroben sind: Vampire, Priester, Derwische und ein Russe namens Rasputin dürften dafür Pate gestanden sein. Und Domingo? Er wird regelrecht begraben unter einer klunkergespickten Amtstracht. Es ist zu hoffen, dass sich die Wege dieses bereits in Los Angeles und Valencia erfolgten Anschlags auf den Sehnerv nicht mit jenen einer Michael-Flatley-Tour kreuzen. Sonst landet die Opernausstattung womöglich in einer Mehrzweckhalle und der Tanztalmi im Sangeshaus.

Viel Sänger-Mikado

Federführend bei diesem Opern-Coup - um bei der anfänglichen These zu bleiben - ist aber die Regie. Thaddeus Strassberger läuft da zu Höchstleistungen auf. Allein eine kurze Szene im zweiten Akt - die Sopranistin will den gefolterten Tenor mit einem nassen Tuch erfrischen, der Mann aber offenbar nur Händchenhalten; der eigenwillige Interessenskonflikt endet damit, dass die Sopranistin die Tenorhände mit dem erwähnten Tuch zusammenbindet - ist ein Geniestreich des Dadaismus. Man muss Strassberger aber auch tadeln: Die Idee, einen Opernabend durch ausgedehnte Runden von Sänger-Mikado (wer sich zuerst rührt, verliert) zu torpedieren, ist nicht neu. Allerdings: Wenn dabei alle Sänger auf der vergleichsweise engen Bühne mitmachen und der Eindruck entsteht, die gesamte Kölner Karnevalsgilde quetsche sich für "Wetten, dass . . ?" in einen U-Bahn-Waggon, wird es doch spaßig.

Und gewiss: Man könnte hier noch viel erzählen von üblen Folterknechtblicken, aufgedonnerten Primadonnen und dergleichen. Allein: Man muss leider auch irgendwann der unbequemen Wahrheit ins Auge sehen. Und die ist nun einmal, dass dieser Abend, eine Kooperation des Theaters an der Wien mit der Los Angeles Opera, keineswegs eine beabsichtigte Parodie ist. Es handelt sich - seltsam, aber wahr - um den Versuch, einer Verdi-Rarität zu neuem Ansehen zu verhelfen.

"I due Foscari" heißt dieses Frühwerk (1844) und ist nicht ohne Reiz. Zwar verfängt sich der Orchestersatz bisweilen in Humpapa-Konvention. Die Gesangslinien sind aber von hitziger Emotion befeuert, und der Spannungsbogen zeugt von einer effektsicheren Theaterhand. Es liegt wohl am düsteren Inhalt, dass der US-Regisseur das Werk in einem Farbtopf versenkt hat: Im Lauf von zweieinhalb Stunden verliert ein Verdi-Doge (Domingos zweiter neben dem Simon Boccanegra) alles - seinen Sohn, seine Macht, sein Leben.

Eine Rufzeichentreibjagd

Dass dieser Abend "I due Foscari" zeigt, sollte man aber schnellstmöglich wieder vergessen. Denn er erweist dem Werk auch musikalisch einen Bärendienst. James Conlon, Dirigent aus Übersee, ergänzt das szenische Remmidemmi um Krawall: Er begibt sich mit einem dumpf klingenden RSO auf eine Rufzeichentreibjagd, in deren Verlauf auch der Schoenberg-Chor selten warm klingt. Dazu singt sich Arturo Chacón-Cruz fast das Tenorbeuscherl aus der Brust; und der - teils einnehmende - Sopran von Davinia Rogriguez erweckt allzu oft den Eindruck, als würde eine drangsalierte Maria Callas durch einen Polster singen. Das einzige Faszinosum: Domingo. Überreich an Klang, überwältigt er immer noch mit Phrasen von stupender Innenspannung. Ein Genuss, der das Publikum milde gestimmt haben dürfte: nur ein Buh für die Regie.

Oper

I due Foscari

Theater an der Wien

Wh. bis 27. Jänner (Vorstellung am 25. Jänner ohne Domingo)