Schlingern im Erinnern: Margarethe Tiesel und Michael Gempart. - © Schauspielhaus
Schlingern im Erinnern: Margarethe Tiesel und Michael Gempart. - © Schauspielhaus

Da zieht es, das Grüppchen, über die Strudlhofstiege hinan. Voran gehen zwei, die ein Transparent tragen. Darauf steht: "1914: Warum tut ihr nichts, ihr jungen Leute?" Es ist ein Zitat aus Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern". Und das Grüppchen, das waren die Besucher der neuen Schauspielhaus-Serie, die in diesem Weltkriegserinnerungsjahr auf Zweigs "Erinnerungen eines Europäers" basiert. Diese von manchem Passanten für Demonstranten Gehaltenen zogen ins Palais Strudlhof, dem unkonventionellen Aufführungsort. Symbolisch, wurde dort doch das Ultimatum an Serbien unterzeichnet. Anne Habermehl hat für die dramatische Umsetzung von Zweigs Kontinent-Memoiren 100-jährige Wiener befragt. Michael Gempart spielt erst den jungen Menschen, der bei der alten Frau vorspricht: bei Margarethe Tiesel. Dann spielt er ihren Mann, den sie vor 30 Jahren verloren hat. Es ist ein Paarlauf zwischen Erinnern und Vergessen, in dem die beiden Streiflichter auf die Geschichte Europas werfen. Er ist 1914 geboren, "ein Schicksalsjahr". Sie schlingern unsicher durch das Jahrhundert, machen Halt 1954 in Paris, als "alles, außer der Tatsache, am Leben zu sein, an Bedeutung verloren hatte", und sie stolpern kess in das Jahr 1968. Die Zukunft aber, was ist mit der? "Wen interessiert’s", sagt er.

Nur knackige Jahreszahlen


Es gibt doch genug Vergangenheit, wozu dann noch Zukunft? "Die Zeit ist ein fauler Kompromiss", sagt er. Der Mann verliert aber auch seine Vergangenheit, denn er verliert sein Gedächtnis. Und macht gerade dadurch auf die Tücken der Erinnerung aufmerksam. "War doch gerade 1789, und jetzt ist 1914." So ist das mit der Geschichtsschreibung, die kennt nur knackige Jahreszahlen.

Mit Zweigs Buch hat diese Miniatur nicht mehr viel zu tun, sie arbeitet vor allem mit einem, vielleicht dem stärksten Zitat: "Nie haben wir mehr an eine Zukunft geglaubt als in diesem unvergesslichen Sommer 1914." Die Zukunft wird im Theater von fünf jungen Burschen verkörpert. Sie wünschen sich Frieden, denn "Krieg ist Verarschung", und würden die tote Oma fragen, wie es im Himmel ist. Das ist ganz putzig, nimmt aber dem teilweise atemberaubenden Spiel von Tiesel und Gempart sträflich viel an Raum.

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Premiere der nächsten Folge:

23. Jänner