Traumspiel: Puccini (James Lee, l.) auf der Opernbühne. - © Kmetitsch
Traumspiel: Puccini (James Lee, l.) auf der Opernbühne. - © Kmetitsch

Die pathologische Variante einer "Registerarie": Turandot lässt die Köpfe der Liebhaber, die an ihren Rätseln gescheitert sind, wie medizinische Präparate in Spiritus einlegen. Was für ein Laboratorium für Ping, Pang und Pong, die mit dieser delikaten Einlege-Arbeit betraut sind! Auf Regalen stehen, wohl sortiert, die Glasgefäße mit dem makabren Inhalt . . .

Es fehlt in der Grazer Inszenierung von Marco Arturo Marelli, die er auch schon in Stockholm gezeigt hat, nicht an publikumswirksamen Elementen. Es ist ja auch eine respektable Theater-Performance, als die Marelli Puccinis Oper anlegt: Der Chor/das Volk sitzt in Reihen auf samtbezogenen Stühlen und schaut sich die Performance an, die da heißt: wieder ein Kopf ab. Repertoire eigentlich, doch reizvoll, es live zu erleben - fast wie Oper. Die Impresarii am chinesischen Hof wissen, wie man die Leute bei Laune hält. Die Henker sind lustige Kerle, sie schlagen Salti und springen über die frisch geschärften Klingen. Die höfischen Rituale werden zelebriert, auch mit dem Kaiser im Rollstuhl.

Das ist die eine Komponente dieser Werkdeutung. Die andere heißt: ein Verfließen von blau eingefärbter Traumwelt und bunter Wirklichkeit. Puccini sitzt in seinem Zimmer am Klavier, erträumt sich seine Geschichte und ist dann selbst Calaf, der der Rätselprinzessin verfällt. Liù, hergerichtet als unattraktives Pummelchen, muss sich das alles erste Reihe fußfrei anschauen und weiß nicht, wie ihr geschieht. Im dritten Akt wird Calaf/Puccini in seinem Bett festgebunden, Liù küsst ihn ein erstes und letztes Mal - und nach ihrem Selbstmord legen die Polizisten die Leiche dem Calaf ins Bett.

Diese doppelte Brechung zwischen Traum- und Theaterebene erspart dem Regisseur letztlich viel Arbeit. Manch lange instrumentale Passage kann er mit Umbauten und Lichtwechseln zwanglos optisch aufmotzen. Marelli als sein eigener Bühnenbildner hat ganze Imaginationsarbeit geleistet. Man hat viel zu schauen, aber das geht alles nicht ins Leere, denn die Aufführung hat musikalisch Format.

Markige Klänge


Der Venezolaner Domingo Hindoyan, Erster Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper Berlin und auch eng ans Grazer Haus gebunden, sorgt für eine plastisch durchformte Orchesterleistung. Er hat viel Sinn für die große Linie, dem markigen Klang (mit Mut zur Schärfe) ist er keineswegs abhold. Er weiß aber gut, wo er das Dickicht lüften muss, um den Sängern den nötigen Freiraum zu geben. Mlada Khudoley in der Titelrolle braucht auch heftigeren orchestralen Seegang nicht zu scheuen, im Finale zieht sie im gehobenen dynamischen Bereich gestalterisch alle Register - manche Höhenschärfe wird in diesem Sinn bewusst eingesetzt. James Lee als Calaf, der Kantilene um Kantilene höhensicher ausformt, geriet am Premierenabend zuletzt konditionell fast ins Hintertreffen. Die Reinheit und Lauterkeit in Person: Gal James als Liù. Warum man sie wohl optisch gar so jämmerlich hergerichtet hat? Ivan Oreščanin, Taylan Reinhard und Martin Fournier geben ein köstliches Trio ab, bei ihrer Schwärmerei von einem glücklicheren China gar sinnlich und satirisch zugleich. Konstantin Sfiris als Timur leidet mit Rabenschwärze. Bis in die kleinen Rollen ist die Aufführung gut und musikalisch liebevoll durchgearbeitet.

Oper

Turandot

Oper Graz, Wh. bis 25. Mai