Brillant: Evelyn Herlitzius (l.) und Waltraud Meier. - © Matthias Creutziger
Brillant: Evelyn Herlitzius (l.) und Waltraud Meier. - © Matthias Creutziger

Die Semperoper in Dresden bleibt nach dem überstandenen Wagner-Jahr mit ihrer "Elektra"-Premiere gleich im Jubiläumsmodus. Denn an der Elbe ist mit dem aktuellen, vor 150 Jahren geborenen Komponisten Richard Strauss gleich der zweite Hausgott an der Reihe. Und da seit kurzem der Dirigent Christian Thielemann an der Spitze der Sächsischen Staatskapelle steht, also des nach wie vor besten Strauss-Orchesters der Welt, und dem Haus, das im vorigen Jahrhundert auf die Uraufführung von Strauss-Opern geradezu abonniert war, obendrein eine absolute Top-Besetzung gelungen ist, beginnt dieses Jubeljahr musikalisch und sängerisch auf dem höchsten live vorstellbaren Niveau.

Szenisch ist das nicht ganz so. Die Intendantin des Schauspielhauses Zürich, Barbara Frey, und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner haben die Bühne, warum auch immer, einem unfertigen Festsaal im Berliner Flughafen Tempelhof nachempfunden. Szenisch setzt sich das, was als Trauma-Spurensuche gemeint ist, nicht wirklich bezwingend um. Dass Frey sich auch bei der Personenführung zurückhält, hätte den Abend zum Scheitern bringen können, wenn nicht so großartige Sängerdarsteller wie Evelyn Herlitzius als Elektra und Waltraud Meier als Klytämnestra ihr famoses Zusammenspiel fortgesetzt hätten, das sie im Sommer 2013 in Patrice Chéreaus letzter Inszenierung in Aix-en-Provence in diesen Rollen erprobt haben. Die vokale Leistung und enorme Präsenz der beiden vereint sich nun mit Thielemanns Strauss-Fest im Graben zu einem Triumph für die Musiker, doch eigentlich auch für den Komponisten Strauss und seinen Librettisten Hugo von Hofmannsthal. Obendrein versteht man fast jedes Wort in dem wuchtig suggestiven Werk.

Die Elektra schlechthin


Thielemann vermag es, die Musik von innen lodern zu lassen, bleibt trotz der tönenden Rache-Obsessionen aber so sensibel, dass die Sänger nie überdeckt werden. Thielemann ist Strauss-Kenner genug, um die "Elektra" nicht nur wie eine auf die Spitze getriebene "Salome" aufzufassen, sondern auch mit dem Wissen um die Wendung des Komponisten hin zum romantischen "Rosenkavalier". Archaische Wucht ohne übertriebenes Dröhnen, dann wieder verführerisch aufflackernde melodische Motive und betörend leise Töne.

Grandios und in der Rolle ihres Lebens angekommen: Herlitzius. Da ist kein Ton schrill, flackert nichts. Mit ihrem Timbre, ihrer Durchschlagskraft und darstellerischen Intensität ist sie momentan die Elektra schlechthin. Ebenso erstaunlich ist, was Waltraud Meier aus der Klytämnestra macht: So konsequent gesungen und gestaltet kommt das fast einem Rehabilitierungsversuch der Mörderin des Agamemnon gleich. Die sich gegen die Racheobsession stemmende und nach einem normalen "Weiberleben" sehnende Chrysothemis von Anne Schwanewilms steht dazu in einem wunderbar jugendlich hell klingenden Kontrast. Den vokalen Luxus schließlich komplettiert René Pape als sich ergreifend verströmender und zugleich standfester Orest. Als Aegisth hält auch Frank von Aken wacker mit.

Zuletzt 20 Minuten stehende Ovationen - das hat man hier höchst selten.