Böser Boris. Bekommt Usurpator "Boris Godunow", dieser "Zar Herodes" also doch noch Gewissensbisse. Und dann bittet er, nein, er bettelt den Herrgott in seinen Stoßgebeten um Schutz vor Not, Bosheit und Verführung für seine Kinder an. Die Chuzpe muss man nach den Untaten inklusive Ermordung des minderjährigen Thronkonkurrenten einmal haben.

Wie menschlich verwirklichte Publikumsliebling Ferruccio Furlanetto den Godunow von Modest Mussorgski, hier wurde im reifen, sonoren Bass des Sängers das Ende eines ehemals schrecklichen Tyrannen wahr. Der mitunter höchst schwer einzuordnende große Russe hat mit seiner Oper in sieben Bildern der analytischen Denkwelt eines Debussy oder auch Schönberg schwer vorgegriffen. In Michael Güttlers Dirigat der an der Wiener Staatsoper derzeit gespielten Urfassung wurde genau dieses Seelendrama offenbar. Rollendebütant Norbert Ernst fügte sich mit heller, fast beißender Stimmfarbe als schleimiger Schuiskij perfekt in die Bilder von Yannis Kokkos. Viel beklatscht wurde auch Kurt Rydls wieder ebenso zerbrochener Mönch Pimen, ein schauderhaftes Erlebnis war die bestens vorbereitete Begegnung mit dem neuen Gottesnarren Pavel Kolgatin. Dazwischen gern gesehene Bühnenfreunde von Ileana Tonca (Xenia) bis Marian Talaba (Grigori) und über allem der alles Elend umrahmende volle Klang des gut disponierten Staatsopernorchesters. Schlimm, wie so viel Leid so viel Vergnügen bereiten kann.