Cecilia Bartoli kämpft als Alcina um ihre Liebe. - © Monika Rittershaus
Cecilia Bartoli kämpft als Alcina um ihre Liebe. - © Monika Rittershaus

Seit nunmehr 25 Jahren steht Cecilia Bartoli in Neuproduktionen der Zürcher Oper auf der Bühne, nun debütierte sie als Alcina in Händels gleichnamiger Oper. Schon während der Ouvertüre blickt man auf eine nachgebildete Barocktheaterbühne (Johannes Leiacker); sechs Herren vollführen mit gebotener Distanz ein passendes Tänzchen. Historisch-informiertes Spiel vom Orchestra La Scintilla unter dem werkerfahrenen Giovanni Antonini und eine Händel-Oper, gespielt wie im 18. Jahrhundert? Mitnichten, denn Regisseur Christof Loy nimmt das Barockoperntheater mit seinen Illusionen nur als Metapher für das Zauberreich Alcinas, die trotz ihrer magischen Kraft nichts gegen die wahre Liebe ausrichten kann.

Bradamante, als Mann verkleidet, ist mit ihrem Vertrauten Melisso auf der Suche nach ihrem Verlobten Ruggiero, der bei Loy seine Liebe zum Theater entdeckt und dabei gleich das Interesse der Diva Alcina weckt, die sich zu allem Übel in ihn verliebt. In ihren schwarzen Allerweltsanzügen wollen die Neuankömmlinge nur schlecht in die farbige Theaterwelt passen, wohingegen Ruggiero längst in Alcinas bunte Truppe integriert ist.

Ohne Schutzpanzer


Vom schönen Schein der Bühne bleibt freilich wenig in den Garderoben mit den verblichenen Tapeten. Dort sitzen Menschen, die längt illusions- und perspektivenlos geworden sind und die so oder ähnlich auch bei anderen Regisseuren die Bühne bevölkern könnten. Das Gleiche gilt auch für einen stummen (und überflüssigen) Cupido (Silvia Fenz) mit staubigen Engelsflügeln. Wenn Alcina ihr "Ombre pallide" am Ende des zweiten Akts ohne Kostüm und damit ohne den Schutzpanzer der "Irrealität" mit einmaligem Legato singt, wird ihr schmerzlich bewusst, dass alles um sie herum nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Genau wie die Liebe in ihrem Zauberreich "Bühne" nichts mit der realen Liebe zu tun hat.

Ein Brand hat eine weitere Aufführung von "Alcinas Zauberreich" verunmöglicht. Nur das schwarze Kostüm gibt der Titelheldin, die sich von der Diva in eine verzweifelt Liebende verwandelt hat, ein letztes Quäntchen Kraft: Bartoli bringt das, vor Temperament überschäumend, in der Arie "Ma quando tornerai" zum Ausdruck. Ebenso effektvoll reagiert der Ruggiero von Malena Ernman, der sich nun definitiv aus den Fängen Alcinas befreit hat, in "Sta nell’Ircana pietrosa tana". Wobei: Waren es die Tanzeinlagen und Liegestütz, die Loy der schwedischen Sängerin abverlangt, die ihrer Stimme doch etwas von ihrer Durchschlagskraft nahmen? Ernmans insgesamt großer Leistung am Premierenabend tat dies aber keinen Abbruch. Zuletzt erschießt Ruggiero die machtlose Alcina, wonach der Leuchter im Zuschauerraum des Barocktheaters mit Getöse auf die Bühne kracht. Alcina im weißen Kleid bleibt als Statute verewigt zurück.

Neben Bartoli und Ernman gestalten Julie Fuchs als Alcinas Schwester Morgana und Varduhi Abrahamyan als willensstarke Bradamante ihre Rollen ebenso souverän. Und welches Opernhaus verfügt schon über ein so exquisites Hausensemble für das Barock- und frühklassische Repertoire wie das Orchestra La Scintilla, das fortwährend in hellwachem Dialog mit der Bühne steht?