Das Bild einer Familie: Jasna Fritzi Bauer, Adina Vetter, Sabine Haupt, Caroline Peters, August Diehl, Dörte Lyssewski. - © Georg Soulek
Das Bild einer Familie: Jasna Fritzi Bauer, Adina Vetter, Sabine Haupt, Caroline Peters, August Diehl, Dörte Lyssewski. - © Georg Soulek

Eine Geschichte ist wie ein Puzzle. Jedes Puzzleteil muss seine Berechtigung haben. Solche Sätze ziehen sich wie ein blutroter Leitfaden durch die Bühnenfassung von Isabel Allendes "Das Geisterhaus", die am Donnerstag im Akademietheater uraufgeführt wurde.

Nun ist es ja so: Die Geschichte der Familie Trueba hat viele Puzzleteile. Allendes Debütroman ist ein ausuferndes Sippenbild, das sich fast über ein ganzes Jahrhundert chilenischer Historie spannt. Dieses Buch auf die Bühne zu bringen, war ein gewagtes Unterfangen von Regisseur Antú Romero Nunes und Dramaturg Florian Hirsch. Viele kennen die Verfilmung von Bille August mit Jeremy Irons und Meryl Streep. Damals haben sich die Autoren dem üppigen Detailreichtum des Romans nicht gewachsen gesehen und haben einfach zwei weibliche Figuren, Tochter und Enkelin von Esteban Trueba, zu einer verschmolzen. Eine solche familiäre Amputation nimmt Nunes nicht vor. Im Gegenteil: Die Frauen sind für ihn, wie für Allende, das Leuchtfeuer dieser Familie.

Stummfilm-Slapstick


So beginnt das Stück mit sechs Frauen, die eine scheinbar harmlose Geschichte erzählen, und endet mit einem alten Mann, der für seine Sturheit in der Hölle der Einsamkeit schmort. Im ersten Teil erzählt das Stück recht brav chronologisch das Schicksal von Esteban Trueba, seiner vertrockneten Schwester Férula, seiner ätherischen und hellsichtigen Frau Clara, deren Tochter Blanca, die sich in einen der Bauern verliebt, die der Gutsbesitzer Trueba unterdrückt. Mit stummfilmhaftem Zeitraffer geht es rasant durch Claras ebenfalls stumme Kindheit, und schwarz vermummte Gestalten helfen bei der Telekinese, die zu Claras Jugendhobbys gehört - eine schöne ironische Brechung des lateinamerikanischen Hangs zum Magischen Realismus. Diese Raffung ist einer von den charmant-irritierenden Einfällen dieser Inszenierung. Auch, dass sich der alte Esteban (Ignaz Kirchner) und der junge Esteban (August Diehl) in einem mal streitbaren, mal bestärkenden Dialog gegenüberstehen, ist eine schöne Idee.

Nach dem konventionellen, aber kurzweiligen ersten Teil zerfasert die Geschichte im zweiten Teil, so wie die gesamte Familie zersetzt wird. Wird doch nach dem Militärputsch gegen die Linke Tochter Blanca mit dem nun auch politisch unerwünschten Liebhaber ins Exil geschickt, und Enkelin Alba wird verhaftet und gefoltert - und zwar vom unehelichen Sohn Estebans. Konfus wirkende Zeitsprünge zeigen, wie verwirrend und unsicher die Zeit ist und welches Schlachtfeld aus der Familie geworden ist.

Wie Streckbänke


Allendes heroischem Frauenbild folgend hat Nunes fast alle Rollen mit Frauen besetzt. Die mühelose Verblendung der verschiedenen Rollen ineinander, etwa bei Jasna Fritzi Bauer, die sowohl Alba als auch deren Vater Pedro spielt, oder Dörte Lyssewski, die Férula und Blancas schwulen Zwangsgatten spielt, macht wohl den größten Pluspunkt der Inszenierung aus. Etwas trostlos, aber am Ende als Gefängnis passend, überhaupt wenn sich die Betonpflöcke wie Streckbänke drehen, ist das Bühnenbild von Florian Lösche. August Diehl ist ein umwerfender junger Esteban Trueba, seine Kraft spiegelt sich bestens in der Verbissenheit von Ignaz Kirchner als altem Esteban. Caroline Peters ist als Clara das buchstäbliche Herz der Geschichte, kann aber auch schön lakonisch sein. Adina Vetter schafft den Spagat zwischen der zurückhaltenden Mutter Claras und der selbstbewussten Hure Tránsito elegant, Sabine Haupt ist facettenreich als Slapstick-Vater von Clara, als sterbende Witzfigur im Fatsuit (Estebans Mutter) und als aufrührerischer Sohn Estebans. Aenne Schwarz ist eine kämpferische Blanca Trueba und ein lustiger Hund. Sergio Pinto steuert melancholische Latino-Gitarrenklänge bei.

Es sind viele Puzzleteile, die diese Familientragödie erzählen. Aber muss jedes Puzzleteil gezeigt werden, damit sie wirkt? Die Frage stellt sich leider doch nach den dreieinhalb Stunden dieses Theaterabends. Vielleicht hätte man sich doch von ein paar liebgewonnenen skurrilen Episödchen trennen können, um das Stück kompakter zu machen, um ihm auch mehr Gewicht zu verleihen. Dennoch: Wer vielschichtige Familiensagas mit politischem Einsprengsel in unkitschigem Ambiente mag und wer das nötige Sitzfleisch mitbringt, dem wird "Das Geisterhaus" wohl gefallen. Auch wenn er nachher sehr erschöpft sein wird.