Brutaler Eroberer: Ben Connor als Amazonier. - © Armin Bardel
Brutaler Eroberer: Ben Connor als Amazonier. - © Armin Bardel

Warum ist nicht der Inka-Herrscher Atahualpa nach Europa gekommen und hat König Karl I. gefangen genommen? Wieso lief es umgekehrt? Der US-Autor Jared Diamond hat dieser und ähnlichen Fragen ein lesenswertes Buch gewidmet ("Arm und Reich", Fischer Taschenbuch Verlag); der Komponist Mauricio Kagel wiederum hat auf der Bühne eine provokante verkehrte Welt durchgespielt: Er lässt einen Amazonier-Stamm auf die Region des Mittelmeers los (das "Mare Nostrum", wie es die Lateiner nannten und Kagels Kammerspiel heißt), um dort die "Wilden" zu unterjochen. Und zwar alle im weiten Umfeld. Von den Portugiesen bis zu den Türken.

Diese fiktive Eroberung war Kagel ein Herzensanliegen, um nicht zu sagen: ein persönlicher Rachefeldzug. Als Sohn deutsch-russischer Auswanderer in Argentinien geboren, empörte es ihn, dass der "Triumph der Weißen über die Nicht-Weißen" als gottgewollt galt, statt als "perfekter Völkermord" gebrandmarkt zu werden. Und diese Wut nahm er mit, als er in der Nachkriegszeit auf den Täterkontinent übersiedelte, zu einer treibenden Kraft der Neuen Musik aufstieg und 1975 schließlich "Mare Nostrum" für Berlin schrieb.

Nun sieht man diesen Affront wieder: Seit Dienstag stehen sich in der Wiener Kammeroper ein exotischer Täter und sein Opfer gegenüber – der geschundene Europäer. Glück für ihn immerhin, dass der Peiniger Deutsch spricht. Nur ist es ein recht bizarres: Der Indianer lästert über den "pestilenzialischen" Geruch der Weißen, die sich "ungern baden", und spöttelt über Franzosen, die "Legalité" sagen und damit "so etwas wie Gleich-ültich-eit" meinen. Ja, er wird sie alle "paxifizieren, also befriedigen".

Zerbröselnde Klangbilder

Kagels Sprachverstümmelungen neigen zum Kalauer, stiftet aber auch Hintersinn. Der setzt sich auf musikalischer Ebene fort: Ein Sextett, bestückt mit einem Fuhrpark (ethno-)musikalischer Instrumente, malt Klangbilder von Kulturen, die unter einer Invasion schier zerbersten. Eine anspielungspralle, abwechslungsreiche Musik ist das, die zwischen Avantgarde und beschädigter Tonalität pendelt. Vor allem aber beeindruckt, wie diese wortlosen Töne selbst Teil des Schauspiels werden: "Instrumentales Theater" nannte Kagel das.

Die Mitglieder des Wiener Kammerorchesters, zu vier Sechstel auf der engen Bühne, und die Sänger (Ben Connor, Rupert Enticknap) kosten diese Dynamik auch virtuos aus. Dass sich die 80 Minuten trotzdem etwas dehnen, dürfte an der Regie (Christoph Zauner) liegen: Zwar bietet die Bühne manchen packenden Moment der Peinigung, vor allem aber pinke Palmen. Nicht nur sie drängen allzu grell ins Groteske. Wäre der Kagel-Indianer Rezensent, er hätte zu mancher Szene vielleicht "Bunder Abtend" gesagt. Dennoch einen Besuch wert. Zuletzt freundlicher Applaus.