Kann schwer nein sagen: Brigitte Fassbaender. - © Marc Gilsdorf
Kann schwer nein sagen: Brigitte Fassbaender. - © Marc Gilsdorf

Wien. Britten hatte mit seinem Geburtsjahr einfach Pech: Genau 100 Jahre nach Wagner und Verdi zur Welt gekommen, steht der Brite in Jubelsaisonen notorisch im Schatten der Giganten. Zu Unrecht, ist Brigitte Fassbaender überzeugt: "Er war einer der bedeutendsten Opernkomponisten des vorigen Jahrhunderts, mit einer farbigen Orchestersprache, glänzenden Libretti und spannenden Stücken. Etwas Spannenderes als ‚The Turn of the Screw‘ oder ‚Peter Grimes‘ kann man sich gar nicht vorstellen." Im atmosphärischen Gegensatz zu diesen düsteren Sittenbildern steht die "Comic Opera" "Albert Herring". Allgemein-Menschliches findet sich viel in diesem Musiktheaterwerk, etwa die ödipale Beziehung zwischen dem Antihelden und seiner dominanten Mutter: "Das gibt es doch sehr oft, dass ein Sohn total in der Hand der Mutter ist und sein ganzes Leben vom Mutterbeispiel überschattet oder überglänzt wird. Aber Alberts Mutter ist ja keine Böse, das ist eine, die’s gut meint."

"Das Singen nie vermisst"


Während das Publikum "Albert Herring" meist als harmlosen Schwank wahrnahm, hielt es der Gründer der Opernfestspiele in Glyndebourne John Christie anlässlich der Uraufführung 1947 für nötig, sich von dem Stück zu distanzieren - offensichtlich war dem begüterten Philanthropen Brittens beißende Satire auf die englische Wohlanständigkeit sauer aufgestoßen. Wie ist es heute um das Verhältnis von Schein und Sein bestellt? "Die Fassade ist heute wichtiger als der Inhalt", zeigt sich Fassbaender illusionslos. Doch liegt ihr nichts ferner, als allzu viel Bedeutungsschwere in die Burleske hineinzuinterpretieren: "Ich halte nichts davon, dass man aus solchen Stücken, was für sein Leben mitnimmt‘ - außer qualitätvoller Heiterkeit und der Bekanntschaft mit einem großartigen Stück Operntheater."

Wie weit darf eine Regisseurin, ein Regisseur überhaupt gehen, wenn es darum geht, die Aktualität eines (Musik-)Theaters hervorzuheben? "Ich finde einen neuen Zugriff sehr legitim, denn wir arbeiten ja immer mit demselben Fundus an Stücken - solange die Geschichte richtig erzählt wird. Wenn es nur aus einer Profilneurose heraus geschieht, ist es manchmal ärgerlich." Für Fassbaender ist beim Inszenieren immer das Werk zentral - und die Menschen auf der Bühne. Folglich schätzt der Bühnenprofi "Albert Herring" auch wegen seiner besetzungstechnischen Qualitäten: "Es ist ein wunderbares Ensemblestück, alle Rollen sind gleichwertig." Gefordert sei auch die darstellerische Leistung, die der Mezzosopranistin bereits in ihrer Bühnenkarriere wichtig war: "Es war mir als Sängerin immer ein Anliegen, mich ganz der Rolle hinzugeben." Der Wechsel von der Darstellerinnenseite zu jener der Regisseurin, der inzwischen schon an die 20 Jahre zurückliegt, war kein einfacher Schritt - "obwohl mir der Abschied von der Oper leichter fiel als derjenige vom Lied. Andererseits ist das Regieführen so umfassend, dass ich das Singen noch nie vermisst habe."

Befreit vom Schreibtisch


Erleichtert wurde die Entscheidung durch die Überzeugung, den richtigen Zeitpunkt gewählt zu haben. Und das Inszenieren füllte Fassbaenders Leben voll aus und mündete in einer langjährigen Intendanz am Tiroler Landestheater, die 2012 endete. Auch das kein einfacher Abschied: "Eine 13-jährige intensive Zeit der Zusammenarbeit, da lässt man doch eine Menge zurück", lächelt die Künstlerin. Doch Wehmut liegt ihr fern, darum habe sie als Innsbrucker Abschiedsinszenierung auch "Albert Herring" gewählt: "Ich wollte einen heiteren Ausklang, wollte den Abschiedsschmerz für mich behalten."

Leerstelle hat sich in ihrem Leben deswegen noch lange keine aufgetan: "Es ist eine Befreiung insofern, als die tägliche Fron des Schreibtischs, der Entscheidungen und der Verantwortung nicht mehr da ist." Die erwartete Entspannung hat der Abschied dennoch nicht mit sich gebracht: "Ich hatte ja eigentlich gedacht, dass ich jetzt ein bisschen zur Ruhe komme würde" - aber das kündige sich noch nicht an. Nun debütiert sie mit "Albert Herring" erst einmal als Regisseurin an der Volksoper. Auch danach gebe es genug interessante Angebote, und: "Ich kann sowieso schwer nein sagen." Langweilig? Nein, meint die lebhafte Frau mit der tiefen Stimme, langweilig sei ihr noch nie gewesen. Und das glaubt man ihr aufs Wort.