Vorzeigebub: Sebastian Kohlhepp als Albert. - © apa/Pfarrhofer
Vorzeigebub: Sebastian Kohlhepp als Albert. - © apa/Pfarrhofer

Loxford, England, irgendwann im 20. Jahrhundert: alles Schlampen außer Mutti. Und weil sich auch im englischen Kleinstädtchen keine Jungfrau zwecks Inkoronation zur moralisch einwandfreien Maienkönigin finden lässt, kürt das Kirchenkomitee - wen? Natürlich muss das eventuell beschränkte, jedenfalls jungfräuliche Muttersöhnchen Albert herhalten. Was für eine Freude für Gemischtwarenhändlerin Mrs. Herring und ihren Sohnemann. Doch eben dieser Albert Herring ist schlicht kreuzunglücklich, das Kuriosum der moralinsauren Heimatgemeinde zu sein, und bricht erfolgreich aus.

Was nach einer zeitlosen Geschichte aus dem Leben klingt, nach dem Spiegel für prinzipiell jede bürgerliche Gesellschaft, also nach Benjamin Britten pur, war es auch. Fein, dass sich die Volksoper fern des fast sang- und klanglos am heimischen Musiktheaterbetrieb vorübergegangenen Jubeljahres 2013 (100. Geburtstag des großen Briten) der Comic Opera von 1947 widmete.

Die Kooperation mit dem Landestheater Innsbruck hat sich gelohnt. Intendantin Brigitte Fassbaender erfand gemeinsam mit Bühnenbildnerin Bettina Munzer vor zwei Jahren als Abschiedsgeschenk an ihr Tiroler Haus die in aller Banalität zeitlose, klamaukhafte, wenig detailbeladene Szene. Silhouetten hinter einer angedeuteten Dorfstraße, Obststeigen hier, Sommerfest im weißen Zelt da, eine richtig britische, rote Telefonzelle und degoutante Spießergarderobe für alle. Das war’s, auch in der Volksoper. Den Rest machte das Ensemble, mit deutschem Text zu deutschem Übertext. Dank Fassbaenders einfühlsamer Personenregie blühte die Bühne zu dem schrecklich komischen Leben auf, wie es eben Wirklichkeit sein könnte.

Herring litt unter der mütterlichen Knute. Der klare, mit guter Diktion ausgestattete deutsche Tenor, Hausdebütant Sebastian Kohlhepp machte die Rolle des liebenswerten Deppen persönlich. Stark besetzt war auch Freund Sid, der Geist, der Gutes will und Böses schafft (subsumiert man Alberts Entgleisungen, die erst Sids alkoholischer Streich ermöglichte, tatsächlich als böse). Fressen, Saufen, Raufen - und dann auch noch die Traumfrau bekommen. Birgid Steinberger als ältliche Schuldame, Morten Frank Larsen als weltlicher Geistlicher, Bürgermeister (Jeffrey Treganza), Bäckerstochter (wunderbar: Dorottya Láng) - Loxfords Haute-Volée ging das Geimpfte auf. Allen voran Lady Billows, Barbara Schneider-Hoffstetter echauffierte sich erstmals im Haus am Gürtel. Besondere Unterstützung erhielt sie von Mezzo Martina Mikelic, mit der eine wunderbar einflüsternde Brangäne zu Werke war.

Apropos: Brittens Musiksprache lebt in dieser Konversationskomödie von der Unmittelbarkeit, von subtil verpackten Spitzen und von klaren Wagnerismen. Wie anders sollte das Gemeindechaos dargestellt werden als in einer Fuge à la "Meistersinger"? Moralische Rettung in Form des reinen Tors wurde durch jede Menge "Parsifal" und "Lohengrin" eingeläutet. Die Schäferstunde steckte im Ausflug zum "Tristan"-Akkord und dessen Auflösung, ein Quiz für Opernfans.

Fast volksbildnerisch


Schließlich die Instrumentalisten: Dirigent Gerrit Prießnitz legte sich mit Verve in die sprühende Partitur, das gut disponierte Volksopernorchester nahm manchem Sänger den Schneid und gewährte plakativ in Brittens Welt Einsicht. Bisweilen war das kammermusikalische Element ausbaubar. Alles in allem ein fast volksbildnerischer Theaterabend für das Wiener Publikum.