• vom 24.02.2014, 16:19 Uhr

Bühne

Update: 24.02.2014, 16:57 Uhr

Volkstheater

Das Ui-Paradox




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Von Petra Paterno

  • Michael Schottenberg inszeniert Brechts "Arturo Ui" mit Maria Bill in der Titelrolle

Schreien, kreischen, kläffen: Maria Bill als Arturo Ui.

Schreien, kreischen, kläffen: Maria Bill als Arturo Ui.© Jodlbauer Schreien, kreischen, kläffen: Maria Bill als Arturo Ui.© Jodlbauer

"Arturo Ui" ist ein Phänomen. Es ist eines der bekanntesten Stücke Brechts, um das die Bühnen aber einen weiten Bogen machen. Michael Schottenberg agiert da couragiert und hievt den "Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" nun auf die Bühne am Weghuberpark. Die Titelrolle hat der Volkstheater-Chef ideal mit Maria Bill besetzt. Die Volkstheater-Inszenierung zeigt dennoch exemplarisch: Dem Stück ist mehr zuzutrauen, intellektuell, politisch, theatralisch. Weshalb ist es so schwer, "Arturo Ui" zu inszenieren?

Information

Theater
Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Volkstheater
Wh.: 26., 28. Feb., 11., 18. März


Bereits Bertolt Brecht hegte Bedenken. Er schrieb das Stück 1941 im finnischen Exil, als er auf das Einreise-Visum nach Amerika wartete. Sein kühner Traum? Mit "Arturo Ui" am Broadway zu reüssieren. Doch daraus wurde nichts. Zeitlebens blieb das Stück in der Schublade liegen, erst nach Brechts Tod 1959 erlebte es seine Uraufführung, als fulminanter Erfolg, der Brechts Ruf, ein antifaschistischer Paradeautor zu sein, weithin festigte.

"Arturo Ui" verschränkt den Aufstieg Adolf Hitlers und dessen Machtergreifung mit der Biografie des Chicagoer Gangsterbosses Al Capone; das Stück spielt zur Zeit der Prohibition. Über weite Strecken liest sich das Spiel wie eine Parodie auf die klassische Tragödie: Ein Kleinkrimineller, der die Macht über den lokalen Blumenkohlhandel an sich reißt, avanciert zu einem gefährlichen Verbrecher. Jeder Bühnenfigur lässt sich historisches Personal zuordnen, politische Ereignisse werden dabei nicht direkt thematisiert. Der Charakter der Anspielung, das Allgemeingültige an Brechts Kritik, die besagt, dass der Kapitalismus per se Tendenzen der faschistischen Radikalisierung in sich trage, bleibt dadurch gewahrt.

Im Volkstheater sind nun auch die Gangster an zwielichtigen urbanen Schauplätzen unterwegs. Die Ausstattung (Bühne: Hans Kudlich; Kostüme: Erika Navas) erinnert mit ihren Hell-Dunkel-Kontrasten und geschniegeltem Gangster-Look an die Film-noir-Ästhetik. Die kunstfertigen visuellen Anreize verhelfen dem Stück nicht zu Tiefenschärfe und Gegenwartsbezug; vielen Szenen haftet so etwas Pittoresk-Harmloses an, die zweieinhalbstündige Aufführung gelangt über bloßes Behauptungstheater und routinierte Klassikerpflege kaum je hinaus. Daran ändert auch Maria Bills präzise, pointierte Charakterzeichnung des Arturo Ui nicht viel. Die Komik, die hier in der Travestie liegt, kann sich in dem allzu gefälligen Bilderreigen kaum je entfalten, wirkt bisweilen unfreiwillig komisch, etwa wenn Ui der Witwe Dullfeet (Inge Maux) an den Rock geht.

Lächerliche Despoten
In einer ihrer besten Szenen trifft Bills Ui auf einen alten Schauspieler (Günter Franzmeier). Ui will das richtige Stehen, Gehen, Sitzen und Sprechen lernen, mit dem man "die einfachen Leute" beeindrucken könne; Brecht bezog sich auf die Tatsache, dass Hitler selbst Unterricht nahm. Mit grotesk überzogenem Stechschritt, weit zurückgelehntem Körper und fliegenden Armen versucht sich Bill, im Zeitraffer das Grundvokabular schauspielerischer Fertigkeit anzueignen: Den "Fuß erst mit der Spitze aufsetzen". Die "Hände vor dem Geschlechtsteil zusammenlegen". Virtuos präsentiert Bill die Verwandlung vom nuschelnden Kleinganoven mit zu enger Jacke und stets verrutschender Haarsträhne in den lächerlichen Despoten im Stile Charlie Chaplins, mit Ledermantel und messerscharfem Scheitel. Bills Spiel macht deutlich, dass politische Macht auch Ergebnis von Theatertechnik, von Betonung, Gestik, Körperhaltung sein kann. Macht kann da auch Resultat von Schnarrstimme sein: Die Verhältnisse sind geklärt, kläfft Bill ihren engen Vertrauen Ernesto Roma (Patrick O. Beck) an, einen breitschultrigen Riegel von Mann, fast doppelt so groß wie sie.

"Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit", forderte Brecht. Die Wiener Inszenierung bleibt da viele Antworten schuldig.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-24 15:47:07
Letzte Änderung am 2014-02-24 16:57:07


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