Sowjet-Sottisen: Jasna Fritzi Bauer, Daniel Sträßer. - © G. Soulek
Sowjet-Sottisen: Jasna Fritzi Bauer, Daniel Sträßer. - © G. Soulek

Im Marketingjargon, der die Literaturkritik unterwandert, werden schon Neuerscheinungen, die nicht im nächsten Herbst vergessen sind, als Kultbücher angepriesen. "Die Reise nach Petuschki" des russischen Samisdat-Dichters, Gelegenheitsarbeiters, Alkoholikers Wenedikt Jerofejew (1938 - 1990) ist solch ein wahres Juwel. Der Ich-Erzähler, liebevoll Wenitschka genannt, phantasiert eine Reise vom Kursker Bahnhof in Moskau ins zweieinhalb Bummelzugstunden entfernte Kleinstädtchen Petuschki - wo "der Jasmin nie verblüht und der Vogelgesang nie verstummt". Dort weiß er ein blondgezopftes Mädchen auf ihn warten.

Von Station zu Station steigt der Weingeistpegel. Delirium als Maske. Die Gleise von Zeit und Logik geben nach. Das Hirn des 30-Jährigen tänzelt ironisch-satirisch durch die politische und literarische Weltgeschichte. Gorki auf Capri, Schiller mit Champagner, Goethe als Alkomuffel, ein adeliger Aufständischer ("Dekabrist") aus dem Heldenjahr 1825, Lord Chamberlain, Luis Aragon, Alexander Dubcek.

Explodierende Kopfwelt


Der Zugschaffner kassiert von Schwarzfahrern für einen Kilometer ein Gramm Wodka. Kaum noch zu entschlüsseln sind die unzähligen Sottisen auf den grauen Sowjetalltag, aus dem nicht die Flucht in die Provinz, nicht die melancholische Vision vom Goldenen Zeitalter, nicht das Delirium retten. Wenedikt wird vor der Kremlmauer massakriert, ehe er in Petuschki sein Mädel in die Arme nehmen kann.

Wenitschka und das Mädchen mit den langen Zöpfen warten heute, in Erz gegossen, in Sichtweite aufeinander in einem Moskauer Beserlpark. Das 150-Seitenbuch wurde 1973 zuerst in Israel gedruckt und ging rasch um die Welt. Das Burgtheater wählte die 1978 erschienene Übersetzung von Natascha Spitz für Felicitas Brauns Schnupperlehrgang in Wenitschkas explodierende Kopfwelt.

Entsprechend bescheiden beginnt im Vestibül-Gemäuer Jasna Fritzi Bauer ihre Einführung. Overheadfolien, Seminarton. Sie wird oftmals das Kostüm wechseln, ist Engel, Teufel, Komsomol-Göre, Dekabrist, Schaffner, Spiegelbild zugleich des mitreisenden Großvaters und seines Enkels. Bauer infantilisiert diese Assistenzfiguren mehr als ihnen guttut.

Rausch und Erfüllung


In goldener Flitterrobe markiert sie ein zoomorphes Wesen "ohne Beine, ohne Schwanz und ohne Kopf". Eine Sphinx, die dem reisenden Trinker irre Rätsel aufgibt und damit dessen Rettung sabotiert. Die christliche Erlösungssehnsucht, Pulsschlag in Russlands alter Literatur (Jerofejews Leidensgeschichte will mit seiner dem "Tristram Shandy" verwandten Erzähltechnik dazugehören), ist in Brauns Kurzfassung mit einer schlichten Gipsmadonna zu beiläufig angedeutet. Daniel Sträßer, dem jungen Handke im "Wunschlosen Unglück" im Burg-Kasino, fehlt das Stimmgewicht für Wenedikts Schattenboxen gegen literarische Traditionen und soziale Gegenwart. Charmanter Jünglingston, von keiner Lebensunbill irritiert, kein dirty young man.

Für die im Rausch erträumte Erfüllung wählte die Jungregisseurin Braun ein triviales Bild. Bauer und Sträßer singen mit kirchlicher Inbrunst den Ohrwurm "Kalinka, kalinka, kalinka moya!" Zieht das Mädchen an einer Leine, rieseln Schneeflocken vom Bühnenhimmel. Ein kitschig schöner Rahmen. Leser (Piper-Taschenbuch, 9,30) brauchen ihn nicht.