Mit der absurden Komödie "Dreimal Verstand zu verkaufen" von Ferdinand Hysi, übersetzt von der österreichischen Autorin Andrea Grill, als Gastspiel des Teatri i Metropolit Tirana, begann das Wiener Volkstheater in der Außenstelle Hundsturm eine Einführung an zwei Abenden in die albanische Dramatik seit der Wende 1991. Albanien ist das 12. Land, das in der vom Wiener Außenministerium mitveranstalteten Reihe "Die Besten aus dem Osten" vorgestellt wird. Kein kommunistischer Staat war vom Ausland isolierter, in keinem wurden die Religiösen so brutal (besonders die Katholiken im Norden!) in den Untergrund gedrängt, waren so vielen Bürgern zivile Rechte entzogen, gab es so viel Zwangsarbeit und so große Armut. In den entlegenen, von Karl May ("Durch das Land der Skipetaren") mythisierten Bergregionen hat die Erholung erst langsam eingesetzt.

Ferdinand Hysi, Jahrgang 1952, lange nach Italien emigriert, wählte für Albanien im ersten postkommunistischen Nachholtaumel eine derbe Metapher: ein Irrenhaus. Durch Löcher im Dach tropft Regen. Die Patienten sind Intellektuelle: ein Schauspieler, ein Historiker, ein Physiker. Reparatur täte not. "Nur von der Welt akzeptieren wir Hilfe" - "Wozu brauchen wir die Welt, wir machen es allein". Eine Überwachungsschwester ist so verrückt wie ein Psychiatriemissionar aus Amerika. Das Volk, dargestellt von einer unglücklichen Schwangeren, hungert. Kurze Revolte. Dann stellen sich die Irren selber ruhig. Sie schließen die Gitter und lauern der Zukunft entgegen wie Exoten im Zoo.

Der Ratlosigkeit vor zwanzig Jahren folgten ein groß- und kleinkapitalistischer und auch krimineller (Stichwort Pyramidenspiel) Run. Der Mercedes wurde rasch das meistgefahrene Auto. In Küstenbuchten, wo in Enver Hoxhas Tagen eine Fischerhütte stand, türmen sich halbfertige, kaum mehr verkaufbare Hotel- und Apartmentburgen. Die Bevölkerung von Tirana hat sich seit 1989 verdreifacht. Albanien will in die EU.

Die Journalistin, Politologin und Übersetzerin aus dem Deutschen Jonila Godole gewann mit "Der Sandmann" den europäischen Dramenbewerb "Talking About Borders". Das 2010 im Burgtheater gezeigte Stück gegen das Verdrängen, Vergessen der an den Verbrechen der Hoxha-Ära Beteiligten beginnt 15 Jahr nach der Wende. Ein Emigrant, der flink sein Glück im Ausland suchte, kehrt heim und will es wissen. In seinen Albträumen wird blutige Familiengeschichte lebendig. Schauspieler des Volkstheaters haben Hans-Joachim Lankschs Übertragung einstudiert (1. März, 20 Uhr).

Joachim Röhm, Jahrgang 1947, dank seiner Ismail-Kadare-Übersetzungen der bekannteste Vermittler albanischer Literatur, gab am Eröffnungsabend im Hundsturm einen Überblick über das Schreiben seit 1945. Sein schönes Wort für den Kotau der Autoren vor dem Machthaber: "Sozialistischer Royalismus". Ismail Kadare war kein Dissident. Aber ein Fels im Meer "staatlich verordneter Mediokrität". Für die postkommunistische Gesellschaft konstatiert Röhm (er war aus einer deutschen K-Gruppe 1977 nach Tirana übersiedelt und hat sich von dieser Vergangenheit distanziert) eine Flut von selbstverlegten Büchern, vornehmlich Lyrik – und das Fehlen von Literaturkritik sowie qualitätsorientierten "kapitalistischen" Buchverlagen. Nach Röhms Meinung ist Fatos Kongoli der wichtigste Prosaautor nach Altmeister Kadare. Er organisierte ein Gespräch mit dem 70-Jährigen vor Publikum (1. März, 19 Uhr).

Röhms Übersetzung von "Faust aus Tirana", eine albanische Off-Produktion mit Alfred Trebicka (1. März, 21.15 Uhr), bringt wiederum Ratlosigkeit, Skrupel, Verzweiflung auf die Bühne - zwanzig Jahre nach dem Kollaps des Regimes. Stefan Capaliku, Jahrgang 1968, aus dem noch österreichisch-ungarisch angehauchten nordalbanischen Shkodra zeigt Faust als Unentschlossenen. Von Mephisto lässt sich nicht in die Politik verführen. Gretchen und die Privatheit verheißen Seligkeit. Aber Gretchen ist tot, und im Lande mehren sich die Selbsttötungen sensibler Intellektueller.

Die Besten aus dem Osten

Folge 12: Albanien
Stücke von Ferdinand Hysi, Jonila Godole, Stefan Capaliku
Volkstheater Hundsturm
28. Februar, 1. März