Sublim: Ruben Drole, Andrè Schuen. - © Theater an der Wien/Herwig Prammer
Sublim: Ruben Drole, Andrè Schuen. - © Theater an der Wien/Herwig Prammer

Es wäre eine Untertreibung, Nikolaus Harnoncourt einen Musiker zu nennen. Der Österreicher, 1929 geboren und noch immer ein rückhaltloser Energetiker am Dirigierpult, ist vor allem eine Instanz. Wobei, und darin liegt der Witz: Er ist zugleich jener Reibebaum geblieben, der er seit den Pioniertagen des Originalklangs war. Muss diese Arie dermaßen eilen, jene fast schon kriechen? Es spitzt noch heute so mancher Bedenkenträger seinen Giftpfeil. Nur feuert er ihn nicht direkt auf den Maestro, denn er weiß: Er liefe Gefahr, im Streitfall unter einer Bibliothek von Verweisstellen planiert zu werden. Belesenheit, Durchdringungslust, Akribie: All dies umschreibt den Mythos Harnoncourt. Seine emblematische Verdichtung findet er jedoch in einem Bild: Harnoncourts Partituren, die mit ihren wuchernden Notizen an Arbeiten von Arnulf Rainer erinnern. Es kommt wohl nicht von Ungefähr, dass diesem imposanten Anblick das größte Foto im Programmheft des Theaters an der Wien gewidmet ist.

Dort gibt der 84-Jährige derzeit die drei Meisterwerke von Mozart und seinem Texter Lorenzo da Ponte in (halb-)konzertanter Form. "This is it!", hätte das Theater da getrost werben können, wäre es einem poppigen Jargon zugetan: Es stand ja nicht weniger als der Eindruck im Raum, hier des "ultimativen" Mozarts teilhaftig zu werden.

Am vorgestrigen Abend, dem mittlerweile zweiten des Konzertzyklus, bestätigte sich jedenfalls ein Verdacht: Der Maestro bleibt bei seinem Tempoextremismus. Dass dies auch bei "Don Giovanni" sein Für und Wider hat, versteht sich. Auf der Basis einer weitgehend gemächlichen Gangart leuchtet Harnoncourt jede Rockfalte der Partitur aus, setzt Glanzlichter vor allem dort, wo die Regung des Ariensängers eine rein seelische ist: Don Ottavios "Dalla sua pace" (hinreichend hellstimmig: Mauro Peter) bestrickt auf zartem Streicherteppich ebenso wie die Zerlina-Arie "Batti, batti" (respektabel: Mari Eriksmoen), bei der das Cello ausnahmsweise nicht hudeln muss. Und auch das Terzett nach dem Mord am Komtur erhält eine kontemplative Note, der die silbrigen Originalklang-Streicher des Concentus Musicus Vorschub leisten. Mozart, so sagt Harnoncourt, hat nicht etwa da Pontes Text vertont - sondern den Subtext.

Kein Lachen im Tempokeller


Was der schöne Satz nur leider unerwähnt lässt, ist: dass Mozart nicht nur ein Feinmechaniker des Immateriellen war, sondern auch ein handfester Praktiker. Soll heißen: Seine Musik befeuert stets auch die Handlungsdynamik, ist gern auch herzhaft-humorig. Davon hört man leider wenig im Harnoncourtschen Tempokeller.

Was diesem Abend eignet, ist der Eindruck eines Traumspiels, eines Nachtstücks. Das fand auch auf der Bühne seine Entsprechung. Die dezenten Kostüme, ein paar Theatergesten der Sänger, eine Handvoll Dekorideen: auch das eine Art Schwebezustand, in dem die konkrete Handlung wie sublimiert wirkte. Der Gesang indes war vital: Andrè Schuen (Giovanni) verströmte Noblesse und Inbrunst, Maite Beaumont (Elvira) temperamentvolle Töne, Ruben Drole (Leporello) wiederum feiste, die von Mika Kares (Komtur/Masetto), teils forciert, noch überboten wurden. Auch wenn Christine Schäfer (Donna Anna) derzeit offenbar indisponiert ist: allgemeiner Beifall um elf Uhr nachts.

Oper konzertant

Don Giovanni

Nikolaus Harnoncourt (Dirigent)

Theater an der Wien

Wh.: heute, Mittwoch