Róbert Alföldi: "Wenn sich die gesellschaftspolitischen Prozesse weiter so entwickeln wie bisher, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich in Ungarn nicht mehr werde arbeiten können." - © Robert Newald.
Róbert Alföldi: "Wenn sich die gesellschaftspolitischen Prozesse weiter so entwickeln wie bisher, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich in Ungarn nicht mehr werde arbeiten können." - © Robert Newald.

"Wiener Zeitung": Sie inszenieren "Meine Mutter, Kleopatra", eine Bearbeitung von Attila Bartis Roman "Die Ruhe" im Landestheater Niederösterreich. Oberflächlich betrachtet handelt das Stück von einer ungarischen Künstlerfamilie - in Wahrheit hat das kommunistische Regime die Figuren gebrochen. Ist das Private stets politisch?

Róbert Alföldi: Politik interessiert mich dabei am wenigsten. 40 Jahre kommunistische Diktatur als Idee ist in diesem Zusammenhang austauschbar. Jedes politische Regime, das sich anmaßt, derart massiv in das Privatleben der Menschen einzugreifen, führt zu solcher Zerstörung. Die menschlichen Beziehungen, die für sich genommen ja schon kompliziert genug sind, verrotten dabei förmlich.

Was bedeutet es, in Ungarn, unter dem rechtsgerichteten Regierungschef Orbán, Künstler zu sein?

Nicht nur Künstler, auch Lehrer, Ärzte, Buchhalter, praktisch jeder, der über die Probleme der ungarischen Gesellschaft laut nachdenkt, gerät fast zwangsläufig mit Orbáns Regierung in Konflikt. Die Frage muss eher lauten: Was bedeutet es, in Orbáns Ungarn ein denkender Mensch zu sein? Es bedeutet, abgestempelt und als "Verräter" und "Nestbeschmutzer" beschimpft zu werden. Im schlimmsten Fall wird man um seine Arbeit und seine Existenz gebracht. Dabei ist es egal, welche Leistung man erbringt. Wichtig ist allein, ob man regierungstreu agiert.

Sie erlebten als Leiter des Budapester Nationaltheaters Diffamierungen am eigenen Leib. Seit Orbáns Regierung 2010 an die Macht kam, fand eine systematische Hetzkampagne gegen Sie statt.

Die Hetzkampagnen begannen, als wir im Theater die größten Erfolge feierten. Die Regierung hat die systematischen Kampagnen der Rechtsextremen gegen meine Person geduldet. Das ist nicht minder verwerflich als diese zu unterstützen. Dass ein rechtsextremer Abgeordneter meine Religion und meine sexuelle Präferenz im Parlament regelmäßig thematisierte, ist schlicht infam. All das ist und muss Privatsache bleiben. Zugleich hat sich während dieser Jahre kein einziger Kulturpolitiker im Theater blicken lassen.

Ihre Intendanz verlief bei Kritik wie Publikum äußerst erfolgreich.

Eben. Das war das Problem.

Wie ist das zu verstehen?

Das Theater wurde zu einem zentralen Ort, den man nicht mehr ignorieren konnte.

Das Theater wurde als Stätte der Opposition wahrgenommen?

Ja, obwohl das nicht beabsichtigt war. Wir haben uns der Regierung nicht angedient und nie aufgehört, unbequeme Fragen zu stellen. Seitdem rede ich in Interviews nur mehr über Politik, nicht mehr übers Theater. Dabei bin doch kein Politiker. Im Grunde bin ich Konformist, schätze den Luxus, das gute Leben - und plötzlich finde ich mich an der Spitze einer Barrikade wieder. Eine verrückte Situation.

Können Sie in Ungarn arbeiten?

Ja, doch. Es gibt ein paar Bühnen, die es wagen, mich zu engagieren. Wenn sich die gesellschaftspolitischen Prozesse aber weiter so entwickeln wie bisher, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich in Ungarn nicht mehr werde arbeiten können - das betrifft übrigens nicht nur mich, sondern viele andere auch.

In zwei Wochen finden in Ungarn erneut Nationalratswahlen statt. Ihre Prognose?

Laut Umfragen hat die Regierung nach wie vor eine Mehrheit. Die meisten Ungarn sind also mit ihr zufrieden. Warum ist das wohl so? Demokratie ist eine schwierige Angelegenheit, noch schwieriger wird sie in einem Land wie Ungarn. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, viele Menschen leben in Armut, haben Angst vor der Zukunft. Die entscheidende Frage wird sein, welche Alternativen ihnen die Opposition bietet. Darauf habe ich im Moment leider auch keine Antwort. Ich hoffe, dass die Rechtsextremen nicht noch mehr Stimmen erhalten und die gegenwärtige Regierung wenigstens keine absolute Mehrheit mehr hält. Das würde mich freuen.

Das Interview fand im Rahmen der von der LICRA veranstalteten Diskussions-Reihe "Über Ungarn sprechen" statt.