Illusionen abschminken im Wellness-Center: Werner Schwabs Präsidentinnen (v.l.: Martina Stilp, Claudia Sabitzer, Katja Kolm) überzeugen in einer Neu-Inszenierung im Volkstheater. - © Christoph Sebastian
Illusionen abschminken im Wellness-Center: Werner Schwabs Präsidentinnen (v.l.: Martina Stilp, Claudia Sabitzer, Katja Kolm) überzeugen in einer Neu-Inszenierung im Volkstheater. - © Christoph Sebastian

Drei Frauen in weißen Bademänteln schreiten, liturgisch anmutende Klänge a cappella intonierend, durch den Mittelgang zur Bühne, erklimmen die mächtige, der Bühne vorgelagerte Treppe und ersuchen das Publikum, die Mobiltelefone auszuschalten. Szenenapplaus. Der Vorhang öffnet sich, im Hintergrund spiegelt sich der leere Zuschauerraum des Volkstheaters: Auftakt für ein tragikomisches Requiem zum Gedenken an den vor zwanzig Jahren verstorbenen österreichischen Autor Werner Schwab.

Mit dem von der Burgtheaterdramaturgie harsch abgelehnten, dann aber im Künstlerhaustheater uraufgeführten Fäkaldrama "Die Präsidentinnen" (1990) machte Schwab nachhaltig auf sich aufmerksam. Schon wenige Monate später kam es, beginnend mit Hans Gratzers Inszenierung von "Übergewicht, unwichtig: Unform" am Schauspielhaus, im deutschsprachigen Theater der 90er Jahre zu einem regelrechten Schwab-Boom.

"Der Herrgott ist ein Autobus"


Auch wenn Schwabs Theatertexte in der letzten Zeit nicht mehr so häufig in den Spielplänen auftauchen, so hat doch das berühmte "Schwabische" mit seinen vertrackten Satzkonstruktionen nichts von seiner verblüffenden Wirkungskraft eingebüßt, auch wenn es - wie nun in der Inszenierung von Milo Lolić im Bühnenbild von Hyun Chu - recht eigenwillig, dabei aber aussagestark auf den Prüfstand gestellt und in einen Handlungsrahmen eingepasst wird.

Während bei Schwab die drei Unterschichtsfrauen in einer schmuddeligen Wohnküche zusammentreffen, gönnen sich Erna (Katja Kolm), Grete (Claudia Sabitzer) und Mariedl (Martina Stilp) bei Lolić eine Auszeit in einem Wellness-Center, um zunächst bei Kosmetik und Körperpflege mehr oder minder untergriffig über ihre Alltagssorgen zu plaudern.

Die bigotte, sparsame Erna protzt mit ihrer im Müll aufgelesenen Pelzhaube und ihrem Farbfernseher, Grete hat nach drei Ehen die Hoffnung auf einen geeigneten Mann noch nicht aufgegeben, man klagt über Probleme mit den "leibeigenen Kindern". Nur die arglose Toilettefrau Mariedl, die verstopfte Aborte mit bloßen Händen putzt, geht voll und ganz in ihrem Beruf auf. Nur im Traum scheinen die geheimen Wünsche der drei Freundinnen in Erfüllung zu gehen.

Der Bühnenhintergrund leuchtet nun krampusrot, die gestylten Frauen schlüpfen in pastellfarbene Abendkleider (Kostüme: Nina Ball) und begeben sich ausgelassen auf ein Volksfest. Erna sieht sich schon an der Seite des von ihr insgeheim angehimmelten, für seinen unnachahmlichen Leberkäs geschätzten Fleischermeisters Wottila, Grete freut sich auf geordnete Verhältnisse an der Seite eines passenden Partners und für Mariedl - die "es auch ohne (Gummihandschuhe) macht" - versteckt der Pfarrer eine Gulaschdose, eine Bierflasche und ein Parfumflakon in den verstopften Abflussrohren.

Doch das Fest artet in eine Schlägerei aus und endet in einem apokalyptischen Alptraum, den nur Mariedl - umstrahlt von einer Mandorla aus Goldflitterstaub - heil übersteht. Zurück auf dem Boden des Alltags schminken sich die Drei nicht nur die Gesichter, sondern auch ihre Illusionen ab und stimmen fröhlich eine Art Heurigenlied an: "Der Herrgott ist ein Autobus" oder auch "eine Eierspeis" usw. usf. Die drei schlichtweg großartigen Schauspielerinnen bewältigen das zum Teil mit leichten wienerischen Anklängen versehene, drastisch-deftige "Schwabische" mit Virtuosität, brillieren bei Tanzeinlagen und beziehen auch immer wieder den nicht abgedunkelten Zuschauerraum ins Spiel ein. Und zuletzt wird deutlich, dass man gerade unter der Oberfläche einer Glitzerwelt aus so manch wissentlich Verdrängtes stößt.

Theater

Die Präsidentinnen

Von Werner Schwab

Regie: Milo Lolić

Mit Katja Kolm, Claudia Sabitzer, Martina Stilp

Volkstheater

Wh.: 25. März; 1., 3., 25. April