"Theater war mein Überlebensmittel": Ihr Arbeitsfeld ist Burg-Intendantin Karin Bergmann Herzenssache und Verpflichtung. - © R. Werner
"Theater war mein Überlebensmittel": Ihr Arbeitsfeld ist Burg-Intendantin Karin Bergmann Herzenssache und Verpflichtung. - © R. Werner

"Wiener Zeitung":In der langen Geschichte des Burgtheaters sind Sie die erste Frau an der Spitze. Weshalb tut sich die Institution Theater mit Frauen in Führungspositionen so schwer?

Karin Bergmann: Das erstaunt mich selbst - und entspricht einer längst überfälligen Normalisierung. In den vergangenen Jahrzehnten reüssierten viele Regisseurinnen an großen Bühnen - siehe Karin Beier, Christiane Pohle, Friederike Heller, Karin Henkel. Da wäre es doch nur folgerichtig, dass Frauen an Theatern auch Spitzenpositionen einnehmen. Zugleich bewarben sich für die vakante Intendanz im Schauspielhaus Graz angeblich nur zwei Frauen. Das erschreckt mich. Wo sind die Frauen? Was hindert sie?

Wie lautet Ihr Befund?

Vielleicht liegt es daran, dass Managementaufgaben nicht gerade familienfreundlich sind. Eine Führungsposition am Theater ist ein 12-Stunden-Job mit ständig verplanten Wochenenden - entweder mit Premieren oder Besprechungen mit Regisseuren. Wenn man davon ausgeht, dass man ein gutes Team hat, das sich zu helfen weiß, muss eine Intendantin dennoch rund um die Uhr erreichbar sein.

Muss Theater also familienfreundlicher werden?

Karin Beier, die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, hat durchgesetzt, ihr Haus um eine bestimmte Uhrzeit verlassen zu können, weil sie sich dann um ihre Tochter kümmert. Viele Frauen arbeiten an Theatern derzeit als Regieassistentinnen. Vielleicht dauert es einfach noch, bis eine Generation heranwächst, die Führungspositionen selbstverständlich auch für sich beansprucht.

Ist Ihnen Ihre Burg-Intendanz Herzenssache oder Verpflichtung?

Eine Mischung aus beidem. Das Burgtheater ist zu meinem Lebenstheater geworden. Die Verpflichtung rührt daher, dass mich ein starker Ruf aus dem Ensemble und aus wichtigen Abteilungen des Hauses ereilt hat. Hätte jemand, der sich ganz neu orientieren muss, diese Aufgabe übernommen, hätte das enormen Zeitverlust bedeutet.

Trotzdem wurden Sie spät gefragt.

Aber noch rechtzeitig.

Sie haben auf einen Teil Ihrer Gage verzichtet, um in Zeiten des Spardrucks ein Zeichen zu setzen.

Man hat mir die idente Gage wie Matthias Hartmann angeboten. Zum jetzigen Zeitpunkt war es für mich aber eine völlig richtige Haltung, auf einen Teil davon zu verzichten.

Wie werden Sie die weiteren Sparmaßnahmen angehen?

Wir durchleuchten gerade alle Abteilungen nach deren jeweiligen Einsparungspotenzialen. Es werden Ideen von den Mitarbeitern gesammelt, alle müssen begreifen, wie ernst die Lage ist - wobei die meisten im Haus ohnehin darauf konditioniert sind, sparsam und effizient zu arbeiten. Es ist nicht so, dass bisher ausschließlich verschwenderisch gearbeitet wurde.

Der Bilanzverlust hinterlässt aber genau diesen Eindruck.

Der Großteil, 5,6 Millionen Euro, ist auf die jetzt geänderte Abschreibungsmethodik zurückzuführen. Zudem hat man offenbar bei den Produktionen das Augenmaß verloren. Es wurde mehr als man sich leisten konnte in Kunst investiert.

In der ersten Burg-Saison von Matthias Hartmann waren Sie Vize-Direktorin. Sie warnten damals, dass sich das Haus den Hartmannschen Premierenreigen nicht leisten könne. Wieso nahm man Ihre Warnungen nicht ernst?

Tritt ein neuer Direktor mit einem Feuerwerk an Inszenierungen an, zeigt dabei opulentes Theater, das allseits gefeiert wird - in so einer Hochstimmung bleibt einem die Rolle des einsamen Rufers in der Wüste. Ich brachte meine Bedenken klar zum Ausdruck, es war aber nicht meine Aufgabe, mich um das tägliche Geschäft zu kümmern. Dafür gab es die kaufmännische Geschäftsführung.

Was wussten Sie vom Buchhaltungschaos der damaligen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky?

Ich war in keiner Geschäftsführungsposition, ich musste keine Bilanz einsehen oder lesen. Oder mich um steuerrechtliche Formulare kümmern.

Sind Sie so weit mit der Materie vertraut, dass Sie sich einen Reim auf den Finanzskandal machen?

Finanzskandal ist ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Dinge. Auf der einen Seite haben die Wirtschaftsprüfer Mängel in der Gebarung des Burgtheaters festgestellt, mangelnde Kontrolle, fehlende Dokumente. Auf der anderen Seite hat das Burgtheater in den letzten fünf Jahren über den Möglichkeiten gelebt. Beides arbeiten wir jetzt auf.

Welchen Zeitrahmen nehmen Sie sich für den Schuldenabbau vor?

Im Moment lässt sich nicht sagen, bis wann wir das geschafft haben werden. Wenn 2016 aber die neue Intendanz antreten wird, wird diese wohl nur ein schuldenfreies Haus übernehmen wollen. Das bedeutet natürlich eine enorme Kraftanstrengung. Wir sind aber auf einem guten Weg.

Werden Sie sich für die dauerhafte Intendanz bewerben?

Ich habe bis Juni Zeit zu entscheiden, ob das in Frage kommt.

Wo sehen Sie in der jetzigen Situation die größten Gefahren?

Wir können uns - trotz aller notwendigen Einsparungen - keine Defizite im künstlerischen Bereich leisten. Es kann nicht darum gehen, etwas herunterzufahren: Das Burgtheater muss weiterhin die ersten Kräfte beschäftigen. Ich brauche einen kühlen Blick und vertraue darauf, dass mir mit Thomas Königstorfer, dem neuen kaufmännischen Geschäftsführer, ein Experte zur Seite steht, mit dem ich in diesem Sinn Hand in Hand arbeiten kann.