Mari Eriksmoen und Katija Dragojevic als Schwestern. - © Prammer
Mari Eriksmoen und Katija Dragojevic als Schwestern. - © Prammer

Kaum zu glauben, aber es war tatsächlich das erste Mal, dass Nikolaus Harnoncourt Mozarts Da-Ponte-Opern mit dem Concentus Musicus interpretierte. Dabei hatte er den Zyklus schon in den 80ern in einer wegweisenden Deutung mit Jean-Pierre Ponnelle an der Zürcher Oper neu gelesen. Da verwundert es, dass der Originalklang-Pionier bei diesem zentralen Werkkorpus so lange auf historische Instrumente verzichtet hat - im Unterschied zu anderen Vertretern der Bewegung, brachte doch etwa John Eliot Gardiner die großen Mozart-Opern bereits in den 90ern mit seinen English Baroque Soloists als CD-Edition heraus, deren schnelle Tempi und durchsichtige Klanglichkeit begeisterten.

Wenn Harnoncourt nun doch noch eine Neudeutung mit seinem Concentus bietet, ist das schon allein darum erhellend, weil seine Klangwelt der eines John Eliot Gardiner in nichts gleicht. Unversöhnlich stehen die Eröffnungsakkorde von "Così fan tutte" im Raum - ganz ohne jenes "Fleisch", das die behagliche Fülle konventioneller Orchester ausmacht. So scheint die Frage, ob wir es mit einer frivolen Posse oder einem pessimistischen Kommentar zur Conditio humana zu tun haben, geklärt, noch ehe der erste Sänger die Bühne betritt.

Diese ist - wie bei allen drei Opern in der aktuellen Produktion des Theaters an der Wien - bis auf die Konterfeis sämtlicher Protagonisten so gut wie leer. Dabei bildete ja die "Così" (deren szenische Aufführung durch die Absage Martin Kušejs ins Wasser fiel) den Ausgangspunkt dieses Zyklus, der durch das Fehlen eines Regisseurs Harnoncourts Sichtweise auf die Werke nun in gleichsam konzentrierter Form enthält. Hatte der Dirigent in Zürich die behutsame Personenführung und liebevoll altmodische Ausstattung Ponnelles zur Seite, so ist die Wiener Aufführung auch in dieser Hinsicht gleichsam aufs Skelett - die Musik - reduziert. Während also die wechselnden Liebespaare einander umgarnen, Elisabeth Kulman als Despina die Rolle der illusionslosen Pragmatikerin mit einer Mischung aus Koketterie und Unverschämtheit erfüllt und Markus Werba vor allem der komödiantischen Seite Don Alfonsos zu ihrem Recht verhilft, spricht das Orchester eine andere Sprache - wobei der Begriff des "Sprechens" selten so angemessen erscheint wie hier: Harnoncourts Konzept der Klangrede manifestiert sich in jener unverwechselbaren Spielweise, die jede "Phrase" radikal als Aussage formuliert und noch Missklänge durch die alles bestimmende emotionale Botschaft legitimiert.

Die Diskrepanz zwischen komischer Oberfläche und tragischem Subtext spiegelte sich auch in jener zwischen der Schärfe des Instrumentalklanges und der relativen Blässe der Singstimmen, wobei der zweite Akt für das Ensemble eine hörbare Qualitätssteigerung mit sich brachte: Sowohl Mari Eriksmoen (Fiordiligi) als auch Katija Dragojevic (Dorabella) gelangten zu größerer Klangfülle, während Mauro Peters Ferrando weich, aber ohne Glanz blieb und Elisabeth Kulman eher szenisch als stimmlich zu begeistern vermochte.

Durchwegs überzeugen konnten Markus Werba als frei deklamierender Alfonso sowie Andrè Schuen, der die Rolle des Guglielmo - Pardon: Guillelmo, wie er laut Harnoncourt heißen muss - stattlich gestaltete. Am Schluss stürmischer Beifall, vor allem für den 84-jährigen Dirigenten.