Hanna-Elisabeth Müller als überwältigend differenzierte Zdenka. - © Forster
Hanna-Elisabeth Müller als überwältigend differenzierte Zdenka. - © Forster

Man sage dem Werk nach, es sei "interpretationsresistent" - so die Regisseurin Florentine Klepper im Programmheft-Interview über Richard Strauss’ "Arabella". Programmierte Kapitulation vor einer haarsträubend konstruierten Geschichte? So arg ist’s gar nicht.

Die Story muss man im Kopf erst mal aushalten: heruntergekommener Adel. Zwei Töchter sind eine zu viel, um standesgemäß verheiratet zu werden. Also wird die Jüngere, Zdenka, in Hosen gepackt und zu "Zdenko", dieweil alle elterliche Energie darein fließt, die Ältere, Arabella, so zu verheiraten, dass reichlich Marie rausschaut für die Familie. Fin de Siècle in seiner grauslicheren Gestalt.

Interpretationsresistent, tja, wäre da nicht die Musik, die akkurate Psychogramme der Figuren zeichnet und so die ur-doofe Geschichte deutlich relativiert. Die Décadence der Epoche ist greifbar, weniger in der Story selbst als in jedem der Handelnden. Drum sind die Randfiguren auch wichtig - und genau die sind in der Salzburger Osterfestspiel-Aufführung handverlesen besetzt und auch präzis gezeichnet. Der schneidige Leutnant Matteo, der schier zerbricht an der hoffnungslosen Zuneigung zu Arabella - Daniel Behle singt ihn mit der Strahlkraft eines italienischen Tenors. Er ist nur ein Beispiel für ein gediegen gecastetes Ensemble. Natürlich ist die Fiakermilli als trällerndes Zwitschertäubchen mit kecken Anwandlungen zur Femme fatale ein Blick- und Hörfang: Daniela Fally bringt die Partie mit Effekt über die Rampe. Nur Stichwortbringer, aber punktgenau präsent auch die Brautwerber Elemer (Benjamin Bruns), Dominik (Derek Welton) und Lamoral (Steven Humes).

Renée Fleming ist die Arabella. Dass ihre Zeit für eine solche Mädchenrolle schon im Ablaufen ist, mag sie instinktiv spüren, und sie tut das im Ausdruck so, dass man es als Liebes-Sehnsucht "fünf vor zwölf" empfindet. Gestalterisch und stimmlich zieht sie das konsequent durch.

Thomas Hampson und sein Mandryka: Der geeichte Liedgestalter versteht sich aufs Erzählen, aufs Differenzieren. Den Bärentöter, den ungehobelten Sich-daneben-Benehmer nimmt man ihm freilich nicht ab.

Hauptaugenmerk auf der Nebenrolle


Eigentlich sollte diese Salzburger "Arabella" ja "Zdenka" heißen. Die junge Deutsche Hanna-Elisabeth Müller drückt dieser Aufführung von vorneweg den Stempel auf. Das Sich-Fügen und das spontane Aus-sich-Herausgehen, die Scheinheiligkeit der Triebunterdrückung und die Befreiung des sich anbahnenden Freud-
Zeitalters - das bringt Hanna-Elisabeth Müller einfach grandios herüber.

Freilich ist "Arabella" in der Operngeschichte eines der Musterbeispiele für tönenden Anachronismus. Aber mit dem Vorwurf der Kunsthandwerklichkeit wird man entschieden vorsichtiger, wenn man hört, was Thielemann und die Staatskapelle Dresden, gleichsam per Du mit dem Strauss’schen Vokabular, an Psychogrammen entwickelt.

Die Regisseurin Florentine Klepper erzählt die Geschichte geradlinig, so verquer sie ist. Das wirkt zuerst beinahe un-ehrgeizig. Aber dann erweist sich die Arbeit der Regisseurin plötzlich als genau und im besten Sinne zweckdienlich: Arabella, Zdenka, Mandryka, Matteo - sie alle haben sich nur ein klein wenig anders verhalten, als es die Etikette der Zeit vorsieht, und doch bricht Orientierungslosigkeit aus: Jeder ist auf sich zurückgeworfen, verunsichert, steht urplötzlich allein und ohne Halt da. Niemand kommt sich mehr wirklich nahe. Das Fin de Siècle hat dem Denken und der Seele den Grund entzogen, die Einsamkeit ist greifbar und bedrückend.