Wild at heart: Lucas Gregorowicz als Parzival. - © Reinhard Werner
Wild at heart: Lucas Gregorowicz als Parzival. - © Reinhard Werner

Ein Wildfang in kurzer Hose, mit verfilzten Haaren, dreckverschmiertem Gesicht: So sieht Parzival am Beginn aus. Am Ende der Aufführung wird der Gralssucher aus dem Mittelalter einem Ghetto-Kind mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze gleichen, das sich ermattet in apokalyptischer Landschaft durchschlägt.

Dazwischen liegt im Akademietheater ein knapp 90-minütiger Theaterabend, bei dem Regisseur David Bösch zwar nicht mit kurzweiligen Regie-Einfällen geizt, dem es jedoch spürbar an Tiefgang mangelt.

Tankred Dorsts "Parzival"-Szenarium hält ein umfangreiches Textangebot bereit. Dialogische und epische Szenen wechseln einander ab, es gibt surreal anmutende Begegnungen zwischen dem Zauberer Merlin und Parzival, Figuren aus der Gegenwart treffen auf mittelalterliche Recken. Im Grunde ist "Parzival" eine breit angelegte Reflexion über die Möglichkeiten der Menschwerdung.

Bösch, der am Burgtheater zuletzt "Mutter Courage" und "Talisman" herausbrachte, hat aus der vielschichtigen Vorlage eine launige Helden-Demontage konstruiert: Dabei galoppieren Ritter der Tafelrunde über die Bühne, dass die Blechrüstungen nur so scheppern; mit Karacho werden mannshohe Schwerter geschwungen. In einer Szene wird sogar eine Rüstung mit Akku-Handbohrer aufgebrochen.

Im Fortschreiten der Handlung wird jedoch deutlich, dass den lose verbundenen Episoden weitestgehend jeglicher Sinnzusammenhang fehlt - selbst dem Spielfeld haftet Unentschlossenes an: Ausstatter Patrick Bannwart hat Parzivals Waldlichtung in eine Großstadtwüstenei verlegt und für das Ritterspiel eine kunstvoll verwahrloste Bühnenlandschaft entworfen. Die Bühne ist eine kahle Schräge, auf der es nie wirklich hell wird. Theaternebel wabert. Videoprojektionen von Hochhausruinen, Feuersbrünsten und Tierkadavern legen gegenwärtige Kampfzonen nahe, eine Deutung, die inszenatorisch aber nicht weiterverfolgt wird. Nicht nur deshalb läuft die forcierte Trash-Ästhetik zunehmend ins Leere, die altertümliche Gralssuche wirkt seltsam deplatziert.

Neben dem Ensemble - Dietmar König, Daniel Jesch, Oliver Stokowski und Regina Fritsch -, das sich um Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz in Mehrfachrollen wacker hält, avanciert so der Musiker Bernhard Moshammer zum gleichwertigen Bühnenpartner. Dessen Rockballaden, die live vom Balkon aus vorgetragen werden, treiben die Handlung mehr voran als das szenische Spiel.

Das Rätselhaft-Visionäre von Parzivals Gralssuche ist beim Bühnentrick-Spiel indes abhanden gekommen.

Theater

Parzival

Von Tankred Dorst

David Bösch (Regie)

Akademietheater

Mit: Lucas Gregorowicz, Dietmar König, Regina Fritsch u.a.

Wh.: 1., 6., 10., 19., 28. Mai