Es war schwer, die Sprache nach diesem Abend wiederzufinden. Ja, sogar die Hände wollten nicht so recht nach dem letzten Ton: Als sich am Sonntagabend der Lichtvorhang über "Orfeo ed Euridice", diese erste Opernpremiere der Wiener Festwochen, senkte, ließ der Beifall lange auf sich warten. Und als er aufkam, wirkte er fast wie ein Akt der Dreistigkeit. Konnte, ja durfte man nach einem solchen Ereignis klatschen?

Ein Ereignis, das schon vorab Wellen geschlagen hatte: Romeo Castellucci, skandalumwitterter Regisseur aus Italien, setzt für seine Inszenierung von "Orfeo ed Euridice" eine Wachkoma-Patientin ein. Die Problematik lässt sich schon an sprachlichen Unsicherheiten ermessen: Darf man das überhaupt so sagen - "einsetzen"? Immerhin würde das nahelegen, dass Castellucci eine Patientin für die Opernbühne instrumentalisiert hat. Der Italiener hat diese Bedenken antizipiert: Er hat mit Ärzten Gespräche geführt, auch mit den Eltern von Karin Anna Giselbrecht, jener Frau, die 1989 in Vorarlberg geboren worden war und vor drei Jahren ins Koma gefallen ist. Alle seien einverstanden damit gewesen, dass Giselbrecht an der Oper von Christoph Willibald Gluck mitwirkt, sogar Giselbrecht selbst: Ihr Zustand, so las man, erlaube es ihr, sich durch Lachen und Weinen, auch durch das Schließen der Augen mitzuteilen.

Schmerzhafte Momente

Und eine reißerische Regie kann man Castellucci nicht vorwerfen. Er setzt Giselbrecht - fast - immer so behutsam wie nur irgend möglich ins Bild. Freilich, die junge Frau erscheint nicht persönlich auf der Bühne des Museumsquartiers, Halle E. Erst gegen Mitte des Abends taucht sie auf, in Form einer Live-Übertragung aus ihrem Zimmer im Geriatriezentrum Am Wienerwald. In riesigen Projektionen prangt sie auf dem Bühnenhintergrund - doch die Bilder bleiben meist dezent-verschwommen.

Warum das Programmheft Giselbrecht als zweite Eurydike - neben der Sängerin Christiane Karg - ausweist, ist bis dahin längst klar: Castellucci betrachtet den Komazustand als eine "andere Welt", und er setzt sie in eins mit jenem Schattenreich, das Eurydike nach ihrem Tod behaust. Von Anfang an entspinnt Castellucci elegante Parallelen: Während der Bühnen-Orpheus den Tod seiner Geliebten besingt, erzählen kurze Text-Inserts von der Einzigartigkeit Karin Anna Giselbrechts - von ihren Kindertagen und der Schule, vom Beginn der Tanzausbildung bis zum jähen Schock: Herzstillstand in Bratislava, gefolgt von einem Koma und der Diagnose des Long-QT-Syndroms, einer seltenen, lebensgefährlichen Herzkrankheit.

Bereits diese Texte absorbieren die Aufmerksamkeit derart, dass das fehlende Schauspiel auf der Bühne kaum wundert. Dort also tastet sich Glucks Orpheus - Bejun Mehta mit hellreinem, durchschlagendem Ton - allein sängerisch an seine Eurydike heran, während im Bühnenhintergrund die ersten Filmbilder flimmern: Eine verschwommene Kamerafahrt führt durch Wiens Straßen bis hin zu Giselbrechts Spital. In ihrem Zimmer ist man angelangt, wenn auch der Bühnen-Orpheus seine Geliebte - eine prägnante, glutvolle Christiane Karg - im Hades erreicht hat.

Jetzt also rückt Giselbrecht ins Bild: Gigantisch vergrößert, prangen erst einige Haarsträhnen, auch die Kopfhörer, mit denen sie die Oper seit dem ersten Ton mitangehört hat. Dann allmählich die Ballettschuhe, die über dem Bett hängen, die Fotos im Tanzoutfit an der Wand. Bedrückend ist das, und es geht bis über die Schmerzgrenze: Während die Bühnen-Eurydike mit Orpheus zankt - tief verletzt, weil er sie keines Blickes würdigen darf -, zoomt die Kamera auf Giselbrechts Augen. Und stellt scharf. Tut der jungen Frau vielleicht etwas weh? Man könnte es annehmen, so wie sie blinzelt. Doch wer weiß das schon, abgesehen von nächsten Bezugspersonen? Fernab, im Museumsquartier, Halle E, würgen einen Schmerz und Hilflosigkeit . . .

Mag sein, dass Castellucci auch hier eine Parallele zum mythischen Orpheus zieht: Der verliert seine Geliebte immerhin fast gleichzeitig durch den fatalen Blick nach hinten. Doch hier wird Castelluccis Arbeit problematisch. Nur, um nicht falsch verstanden zu werden: Es kann kein Fehler sein, im Medienzeitalter der makellosen Menschen das Leben von Karin Anna Giselbrecht zu erzählen. Nur ist Castelluccis Blick kein neutraler; keiner, der ein erstes Kennenlernen und Einfühlen in ein unbekanntes Mimikvokabular ermöglichen würde. Durch seine Überblendungen mit dem Mythos interpretiert der Italiener zugleich. Und: Er suggeriert. Am stärksten im Happy End, das die Gluck-Fassung durch die Intervention des Gottes Amor (beherzt: der Sängerknabe Laurenz Sartena) nun einmal hat: Castellucci lässt danach eine dritte, nackte Eurydike in einer arkadischen Fantasielandschaft plantschen. Saftig ist das Grün, anmutig die Frau. Dann der Schnitt auf Giselbrecht: Die Kopfhörer werden ihr abgenommen, eine Hand streichelt ihre Stirn. Trostlos wirkt das. Doch fühlt Giselbrecht wirklich so, wie die Szenenfolge das nahelegt?

Wie man hört, hatte der Abend für die junge Frau jedenfalls ein schönes Nachspiel: Im Bett zur Premierenfeier gebracht, ließ der Applaus ihre Augen strahlen.

Ätherischer Orchestersound

Wer sich wundern sollte, dass bis hierher weder von der Leistung des Orchesters noch des Chors die Rede war, sei um Verständnis gebeten: Angesichts der schicksalshaften Intensität des Gebotenen kann diese Premiere ebenso wenig als reiner Opernabend gelten wie dieser Text als jener Typus Kritik, der künstlerische Güte taxieren will. Insofern sei hier auf die sonst übliche Sternebewertung verzichtet - was die Leistung des ätherischen, teils fast swingenden Baroque Orchestra Ghent unter Jérémie Rhorer und des klangvollen Schönberg-Chors freilich nicht schmälern soll.

Oper

Orfeo ed Euridice

Museumsquartier, Halle E

Wh.: 13., 16., 18. Mai

www.festwochen.at