Jung, sympathisch, sportlich: Matthias Franz Stein und
Jung, sympathisch, sportlich: Matthias Franz Stein und

Raphaela Möst und Matthias Franz Stein erzählen "Die Geschichte vom Fräulein Pollinger" auf der Probebühne der Josefstadt. Beide jung, sympathisch. Sportlich ihre Wechselschritte zwischen Prosa und mal donaublau, mal isargrün gefärbten Dialogen.

Doch statt Figuren aus Ödön von Horváths Kleine-Leute-Typenkasten feine Jeunesse dorée. Klotzsteif im Auftritt, flexibel beim zumeist unmotiviert eingeschobenen Blasen, Zupfen, Elektroorgeln: Roman Britschgi und Oliver Roth. Schon während das Publikum eintrudelt, plärrt ein altes Radio eine Tonkakophonie. Beethoven, Hitler, das Eurovisionssignal und viel anderer akustischer Schrott. In diesem Tonflimmerraum verschwindelt der Regisseur Fabian Alder das München Ende der 1920er Jahre.

Damals arbeitete Ödön von Horváth an seinem ersten Roman. "Der ewige Spießer", 1930 erschienen, ist Kompendium von "historisch-soziologischen Skizzen" (Horváth) aus der ärgsten Arbeitslosigkeit in Hitlers Aufstiegszeit.

Ein Herr Kobler reist darin aus München nach Barcelona. Andere Spießer bleiben in seinem Wohnhaus in der Schellingstraße zurück. Und ein arbeitsloses Mädchen, das Anna heißt wie andere vom Schicksal gebeutelte Glückssucherinnen in Horváths Dramen. Auch sie wird Opfer mieser, perverser Ausbeuter.

Geschäfte mit Horváth


Einzig der ebenfalls arbeitslose Kellner Josef Reithofer bemüht sich selbstlos, ihr aus dem Elend herauszuhelfen. "Wissens Fräulein, es gibt nämlich etwas auch ohne das Verliebtsein, und das ist halt die menschliche Solidarität."

Nicht erst in der Josefstadt wurde Anna auf Agnes, Josef auf Eugen umgetauft. Schon 1973 montierte das tantiemengeile Gewerbe der Herausgeber und Bühnenverleger aus nachgelassenen Skizzen zum alten Buch einen neu verkaufbaren Titel: "Geschichten der Agnes Pollinger. Ein Volksstück". 1979 wurde derselbe reduzierte Plot als Roman ("Sechsunddreißig Stunden") auf den Markt geschoben. Die ordentliche Edition des "Ewigen Spießers", mit den Vorstufen und Varianten, in der "Wiener Ausgabe" des Literaturarchivs der Nationalbibliothek (2010) zog die Josefstadt für ihre Bühnenfassung nicht heran. Seit 2009 die Urheberrechte ausliefen - der Dichter starb 1938 -, kann kein Erbe mehr dreinreden.

Starke Mann-Frau-Dialoge


Darum bremste auch niemand den aus der Musikszene aufgestiegenen Schweizer Regisseur Fabian Adler. Er pumpt in seiner halblustigen Horvátheske die Stationenfolge der wie durch ein Wunder beendeten weiblichen Leidensgeschichte optisch-rhythmisch auf. Romantisches Song-Intermezzo in Englisch. Das Atelier eines schwulen Aktmalers von 1929 ist zum Pornostudio mutiert. Anna-Agnes markiert mit Gasmaske überm Kopf in einer Klomuschel eine SM-Nummer. Grausig. Das chromblinkende Sportcoupé des Ladykillers: ein fahrbares lichtblinkendes Keyboard.

Und wie es die Mode wünscht: eine Castorf-Szene auf der Videowand. Den überraschend wandelbaren Darstellern hätte als Regisseur ein schlichter Stichwortbringer gutgetan. Die "historisch-sozialen Skizzen", die Mann-Frau-Dialoge sind stark genug.

Theater

Die Geschichte vom
Fräulein Pollinger

Nach Ödön von Horváth

Mit Raphaela Möst,

Matthias Franz Stein

Theater in der Josefstadt

Wh.: 24.-26. Mai, 6., 7. Juni