• vom 23.05.2014, 15:52 Uhr

Bühne


Opernkritik

Genüsslich blutrünstig




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Von Lena Dražić

  • Ein anarchisches Spektakel: "Punch and Judy" in der Wiener Kammeroper.

Grobian ohne Reue: Richard Rittelmann (Zweiter von links) als Punch .

Grobian ohne Reue: Richard Rittelmann (Zweiter von links) als Punch .© apa/Armin Bardel Grobian ohne Reue: Richard Rittelmann (Zweiter von links) als Punch .© apa/Armin Bardel

Ganz schön brutal geht es zu in dem verdreckten Kanalrohr, in dem es sich eine Horde skurriler Gestalten häuslich eingerichtet hat: Punch, ein grobschlächtiger Bursche, ermordet gleich in der ersten Szene sein Baby und seine Gefährtin Judy. Diese wiederum ist mit grotesk verschmierter Schminke und einem Kleid, das vorne zwei große, herabhängende Stoffbrüste zieren, eine unzweifelhafte Schönheit - das behauptet zumindest der Choregos, eine Art jenseitiger Zeremonienmeister, der das Spektakel mit seiner tanzenden Begleiterin in schwarz-weißer Kabarett-Gewandung eröffnet. Die Erstochene bleibt im Übrigen nicht lange tot, sondern gesellt sich (im Tierkostüm) sofort zum Chor, um das Verhalten ihres gewalttätigen Gatten zu tadeln. Es ist eine ruchlose und amoralische Welt, die Harrison Birtwistle und sein Librettist Stephen Pruslin mit "Punch and Judy" ersonnen haben. Die skurrile Story, die sich in einer Vielzahl nicht minder gewalttätiger Episoden fortsetzt, fußt auf dem britischen Kasperltheater, das sich durch eine derbe Sprache und genüssliche Blutrünstigkeit auszeichnet.


Keine Moral von der Geschichte
Seit Donnerstag zeigt die Neue Oper Wien in der Kammeroper eine Neuproduktion des zweistündigen Einakters, der bei seiner Uraufführung 1969 das Missfallen von Auftraggeber Benjamin Britten erregt hatte: Zu respektlos sprang der junge Birtwistle für den Geschmack des älteren Kollegen mit der Gattung Oper um. Anstelle einer kohärenten Handlung steht eine Menge lose verbundener Episoden, die den clownesken Halunken Punch in die verschiedenen Weltgegenden und zwischen Himmel und Hölle führen. An jeder Station erhält der Nichtsnutz die Gelegenheit, weitere Morde zu begehen und seinerseits der Rache der Vertreter von Moral und Anstand (Doctor, Lawyer) geschickt zu entfliehen. Das völlig unverdiente Happy End schließlich macht die Geschichte für jede Art von moralischer Unterweisung definitiv unbrauchbar: Der Übeltäter und Grobian Punch erobert die Gunst der barbiepuppenhaften Schönheit Pretty Polly, die sich mit zackigen Bewegungen und schriller Stimme (bewundernswerte Höhe: Jennifer Yoon) als eine Art artifizielle (Alp-)Traumfrau erweist.

Drastisch und scheinbar regellos ist auch die Musik von Harrison Birtwistle: Eklektizistisch, kleinteilig und nervös, wurde sie vom Komponisten selbst als "hysterical and loud" charakterisiert. Prägnant und präzise gestalteten Walter Kobéra und das Amadeus Ensemble Wien bei der Premiere den scheinbar chaotischen Orchestersatz, der gegenüber den Singstimmen oft ein unkontrollierbares rhythmisches Eigenleben entwickelt.

Leonard Prinsloos Inszenierung setzt nicht auf Aktualisierung, sondern zeigt die Tragikomödie gemäß der Intention ihrer Autoren als anarchisches Spektakel, mit dem Birtwistle wie zuvor sein Vorbild Strawinski die archetypische Kraft des Puppentheaters für sich entdeckte. Die Ausstattung von Monika Biegler siedelt das skurrile Geschehen irgendwo in den schmutzigen Eingeweiden einer desolaten, apokalyptischen Großstadt an. Prinsloo lässt die Darsteller/Sänger in ihren liebevoll-verlotterten Kostümen puppenhaftes Verhalten imitieren, das wiederum menschliche Verhaltensweisen ins Groteske überzeichnet und zugleich noch den grausamsten Handlungen den Charakter harmloser Scherze verleiht.

Bemerkenswert bewerkstelligte das Sängerensemble, allen voran Richard Rittelmann als akrobatisch-aggressiver und wortgewaltiger Punch, diese Aufgabe. Dem Choregos, der das Drama ironisch kommentierend begleitet und sich schließlich selbst unter Punchs Opfer einreiht, verlieh Till von Orlowsky mit beweglichem Bariton klangschöne Gestalt, uneitel agierte Manuela Leonhartsberger mit kraftvollem Mezzo als mehrfach auferstandene Judy.

Das Musiktheater von Pruslin und Birtwistle verweigert sich der moralisierenden Deutung - und damit auch der Instrumentalisierung: Subversion, die dem hiesigen Opernalltag nicht schlecht bekommt.

Oper

Punch and Judy

Kammeroper/Neue Oper Wien

Weitere Termine bis zum 5. Juni




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Dokument erstellt am 2014-05-23 15:56:07



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