Mönche im Vorgarten? Der neue "Fidelio" beginnt gewöhnungsbedürftig. Im Vordergrund (v.l.n.r.) Stefan Cerny (Rocco), Sebastian Holecek (Don Pizarro) und Marcy Stonikas (Leonore). - © apa/Barbara Palffy/Volksoper
Mönche im Vorgarten? Der neue "Fidelio" beginnt gewöhnungsbedürftig. Im Vordergrund (v.l.n.r.) Stefan Cerny (Rocco), Sebastian Holecek (Don Pizarro) und Marcy Stonikas (Leonore). - © apa/Barbara Palffy/Volksoper

Wer Filmparodien mag, der kennt vielleicht auch diese Szene: In "Hot Shots!", Teil zwei, kämpft eine Elitetruppe mit einem ungewöhnlichen Hindernis. Ein Gartenzaun hemmt den Vormarsch. Der ist zwar so niedrig, dass ihn auch ein Chihuahua überspringen könnte. Dennoch: Der eine Soldat resigniert ("Von innen abgeschlossen!"), der zweite dreht durch, der dritte schlägt eine Sprengung vor.

Auch der Gartenzaun im neuen "Fidelio" scheint eine solche wundersame Barriere zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, warum Beethovens Sträflinge hier nicht die Flucht ergreifen. Immerhin lässt sie Regisseur Markus Bothe anfangs nicht in einem Gefängnishof frische Luft schnappen, sondern in einem Vorgarten. Wobei - der mangelnde Fluchtwille könnte auch mit einer Geisteshaltung zu tun haben: Mit ihren Tüchern und Glatzen (Kostüme: Heide Kastler) erinnern die Gefangenen frappant an buddhistische Mönche. Ganz anders da der Gouverneur Don Pizarro. Optisch auf Unsympathler getrimmt, genauer: sadistischer Krimineser (Schnauzer, Schleckfrisur, Streifenkrawatte, Mantel), entlädt er seine Wut irgendwann an dem wehrlosen Gartentürl.

Buhlen um den Buhruf?


Beethovens "Fidelio" also an der Volksoper: Das hat es seit einer Ewigkeit nicht mehr gegeben, exakt 73 Jahre lang. Allerdings, das mochte man in der Premierenpause meinen: Das 100-Jahr-Jubiläum hätte man auch noch abwarten können. Bis zur Halbzeit ist Bothes Inszenierung lediglich am Papier stark: Gut gedacht, weniger gut gemacht. Obacht, liebe Gartenbesitzer!, will die Regie sagen, der Boden eures bourgeoisen Glücks ist brüchig. Im blaugrünen Bühnenbild (Robert Schweer) mit den kahlen Kerkerinsassen vermittelt sich das aber kaum. Leonore, wie stets im Männergewand auf der Suche nach dem gefangenen Gatten, wirkt in dieser absurden Postkarten-Optik doppelt verloren.

Im Laufe des Abends gelingt Bothe aber dann deutlich mehr, vor allem an Charakterzeichnung. Man merkt: Der Mann will nicht bloß zwei kontrastreiche Bühnenbilder - nach der Pause rotiert eine Gefängnisunterwelt - mit Sängern bevölkern. Jaquino, das kleine Kerkermeisterlicht, findet sich hier in einen Emporkömmling verwandelt, der fehlendes Liebesglück durch karrierebefördernde Denunziation - von Marzellines Vater - vergilt. Den Gefängnisdirektor wird er zuletzt auf der Karriereleiter überholen: Während Rocco der eigene Job längst suspekt ist, schlägt Jaquino als zweite Wahl umgehend ein, als ihn der Minister am Ende zum neuen Gouverneur befördert. Apropos: Dessen Vorgänger wird hier nicht einfach abgesetzt. Der Minister, alles andere als ein gütiger Deus ex Machina, karrt am Ende eine wuchtige Guillotine an. Während die Befreiten den finalen Jubel anstimmen, schlägt die Maschine zu. Rumms! Das ist der Schlusston des Abends.