"Keine müden Intellektuellen": Regisseur Jan Bosse inszeniert Tschechows "Möwe" als lebhaft-amouröse Verstrickung. - © G. Soulek
"Keine müden Intellektuellen": Regisseur Jan Bosse inszeniert Tschechows "Möwe" als lebhaft-amouröse Verstrickung. - © G. Soulek

"Wiener Zeitung:"Tschechows "Möwe" gehört zu den meistgespielten Dramen . . .

Jan Bosse: Ein unglaublich gutes Stück, kaum kaputtzukriegen. Ein paar Fehler kann man da als Regisseur aber schon machen.

Welche denn?

Falsch und richtig gibt es zwar per se nicht am Theater. Bei Tschechows "Möwe" verhält es sich allerdings so: Der Autor schreibt ein Künstlerdrama voller gebrochener Herzen, gescheiterter Lebensentwürfe - und bezeichnet diese Tristesse dann als Komödie.

Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Der Begriff der Komödie ist als Anweisung für die Schauspieler gedacht, um in deren Spielweisen ein fragiles Verhältnis zwischen den Polen Tragödie und Komödie aufrechtzuerhalten. Man darf weder mit Zynismus auf die Figuren blicken - noch sie der Lächerlichkeit preisgeben. Beides würde bedeuten, dass man sich über die Figuren erhebt, sie nicht ernst nimmt. Gerade bei den Künstlerfiguren ist die Grenze zwischen Idealismus und Anerkennungssucht fließend. Tschechow beschreibt ein allgemeingültiges Dilemma, zum Beispiel in der Figur des Trigorin.

Die Bühnenfigur stellt in der "Möwe" einen erfolgreichen Schriftsteller dar. Im Lauf der Handlung beginnt er eine Affäre mit der Freundin des Nachwuchsautors Kostja - zugleich ist er mit Kostjas Mutter, der berühmten Schauspielerin Arkadina, liiert.

Diese amourösen Verstrickungen erinnern geradezu an einen Woody-Allen-Film. Im Grunde grauenvoll - und dennoch trägt Trigorin Spuren von Kostjas Idealismus in sich, sonst könnte er wohl gar nicht mehr schreiben. Zugleich ist ihm bewusst, dass er Feuer und Leidenschaft des jungen Künstlers nach zig Jahren in der Branche nicht mehr haben kann. Sämtliche Figuren sind sich bei Tschechow ihrer Krisen bewusst - bedauerlicherweise hilft ihnen diese Erkenntnis aber nicht, diese zu überwinden. Jede Epoche spiegelt sich auf ihre Weise in Tschechows Dramen. Heute erkenne ich in der "Möwe" eine Krankheit unserer Zeit.

Was macht Tschechows Stücke so zeitlos?

Die Reduktion. Das Wesentliche bleibt bei diesem Autor meist ungesagt. Durch das bewusste Weglassen eröffnet er ein weites Feld für Interpretationen. Jeder kann sich in seinen Figuren neu wiederfinden.



Wie sehen Sie die Figuren?

Natürlich sind die Figuren kaputt, aber sie wollen es nicht sein. Daher muss man ihnen so viel Vitalität, Trotz, Lebenswillen und Kampfgeist wie möglich geben. Das sind keine müden Intellektuellen, keine blasierten Künstler.

Wie gehen Sie mit der Schlüsselszene um, in der Kostja im Stück sein erstes Bühnenstück aufführt?

Diese Szene ist fast unlösbar. Man fragt sich als Theatermacher ständig: Wo sind denn tatsächlich die neuen Formen, die neuen Inhalte? Gibt es überhaupt noch so etwas wie Avantgarde? Sollte ich diese Szene nicht einem jungen Regisseur - gewissermaßen dem Kostja unserer Tage - überlassen? Wer käme dafür in Frage? Die Szene gleicht einer Falle. Unsere Lösung: Wir beginnen die Aufführung damit, zeigen jedoch keine ausgearbeitete Miniaturaufführung, kein Stück im Stück, sondern die Probe zu Kostjas Stück. Die Probensituation ist für mich wie eine Metapher für das gesamte Drama. So gesehen geht es darum, das Leben als Einübung ins Scheitern zu betrachten - Scheitern im Sinne von Beckett: scheitern, wieder scheitern, besser scheitern.

Ihre "Möwe" feiert am Samstag im Akademietheater Premiere. Spüren Sie die Folgen der Burgtheaterkrise?

Die Bedingungen ändern sich gerade. Für mich ist das aber nicht weiter schlimm, es lässt sich hier nach wie vor toll arbeiten. Vielen deutschen Kolleginnen und Kollegen erschien das Burgtheater früher wie eine Insel der Seligen. Dass dieser Luxus auf einer Blase beruhte, die nun mit lautem Knall geplatzt ist, ist natürlich schrecklich - die vergangenen Wochen waren für alle hier ungemein hart. Jetzt ist die Zeit reif für den Neubeginn. Sentimentalitäten sind nicht angebracht, auch in künstlerischen Berufen tut Pragmatismus not: Die Zeiten haben sich eben geändert. In diesem Sinne: voran!