Hochkarätig besetztes Missverständnis: Christiane von Poelnitz und Michael Maertens. - © apa/Hochmuth
Hochkarätig besetztes Missverständnis: Christiane von Poelnitz und Michael Maertens. - © apa/Hochmuth

Tschechows Tragikomödie "Die Möwe" wird in Jan Bosses Inszenierung zur schrillen Farce; in einer dem dekonstruktivistischen Konzept gemäßen Spielfassung (Jan Bosse, Gabriella Bußacker), die programmatisch die Szene des misslungenen Theaterabends am Landgut der Schauspielerin Arkadina an den Anfang stellt.

Während das Publikum Platz nimmt, trifft auf der Bühne der aufgeregt herumschusselnde Kostja (Daniel Sträßer) letzte Vorbereitungen für sein Debüt als Dramatiker. Auch die Zuschauer, denen beim Eintritt kleine Plastiklämpchen übereicht wurden, sollen zum Erfolg der Endzeittragödie beitragen und aufs Stichwort "Grauen, Grauen" die - Teufelsaugen symbolisierenden - roten Lichter aufblitzen lassen.

Lachtheater statt Seelenbilder


Als die Vorstellung endlich beginnt, betreten die geladenen Gäste plaudernd und lachend den Zuschauerraum, mischen sich unters Publikum und blamieren mit ihren spöttischen Zwischenrufen den tief gekränkten Jungautor, bis schließlich ein gnädiger Theaternebel das Desaster verhüllt. Mit dieser nicht als Kasperl-Mitspieltheater entworfenen Szene thematisierte Tschechow immerhin den Fin-de-siècle-Konflikt zwischen einem die Wirklichkeit abbildenden Theater und avantgardistischen Reformbestrebungen.

In Bosses Inszenierung werden danach erst allmählich die Beziehungsverflechtungen zwischen den gnadenlos karikierten, allesamt narzisstischen, einander unmotiviert attackierenden Figuren aufgedeckt. Christiane von Poelnitz gestaltet die Arkadina - ein Bühnenstar alten Stils - als Provinzdiva, die alle Nuancen des Outrierens in Sprache und Gestus virtuos beherrscht, aber allen Bemühungen zum Trotz in der Mutterrolle ihrem Sohn Kostja gegenüber versagt. Michael Maertens zeigt ihren Lebensgefährten Trigorin - Erfolgsautor ohne literarische Bedeutung - als näselnden, opportunistischen Dandy. Aenne Schwarz verleiht Kostjas Jugendliebe Nina, Tochter aus gutem Haus mit Berufstheaterambitionen und Protagonistin der Dilettantenaufführung, wohlerzogene Naivität und fehlgeleitete Sehnsucht auf ein selbstbestimmtes Leben.

Mavie Hörbiger als hoffnungslos in Kostja verliebte, ihr Leiden mit Koksen oder Tabakschnupfen zelebrierende Mascha demütigt zum Ausgleich ihren ungeliebten Ehemann, den biederen, sie anhimmelnden Lehrer (Peter Knaack), der bereits in der Anfangsszene vom Balkon her mit einer aktuellen Bemerkung über die schlecht bezahlten, überforderten Pädagogen einen Lacher verbuchen durfte. Ignaz Kirchner als greiser, im Rollator durch die Handlung irrender, seinen geplatzten Lebensträumen nachtrauernder Bruder der Arkadina fungiert als geduldeter Störfaktor.

Barbara Petritsch ist eine resolute Gutsverwaltersgattin, deren Mann - erfreulich konzeptresistent: Johann Adam Oest - sich gekonnt mit pointierten, aber nicht zu Kenntnis genommenen Aussprüchen profiliert.

Im Grunde sind sie alle, wie der Arzt (Martin Reinke) konstatiert, "trostlose Figuren", die im gespenstisch inszenierten Schlussakt den - optisch verdeutlichten - Schatten ihrer Vergangenheit nicht entkommen. Nina schlägt sich nach einer leidenschaftlichen Affäre mit Trigorin, der danach wieder bei der Arkadina andockt, als Schauspielerin bei Provinztruppen durchs Leben, der im Literaturbetrieb belächelte Kostja setzt mit seinem Selbstmord einen endgültigen Schlussstrich.

Eine Lachtheater-Posse endet als Tragödie. Jan Bosse hat Tschechows Proteste gegen Stanislawskis stilprägende, melancholische Seelenbilder herausarbeitende Inszenierungen allzu plakativ umgesetzt. Tschechow ging es ja nicht um Komödien im herkömmlichen Sinn, sondern um eine hintergründige, zugleich lächerliche und tieftraurige Komik, die den Untergang einer voll Weltschmerz ihrem eigenen Untergang entgegensteuernde Gesellschaft zeigt.

Alles in allem: ein hochkarätig besetztes Missverständnis.

Theater

Die Möwe

Jan Bosse (Regie)

Akademietheater, Wh.: 7., 17. Juni