Schwarzes Schminkgesicht, Kraushaarperücke. So stand vor 30 Jahren Elisabeth Orth als "Medea" auf der Burgtheaterbühne. Gerhard Klingenberg, damals Regisseur, wurde der Grillparzer-Schändung geziehen. Nicht jedoch, dass er eine Schwarze als wild, liebestoll, blutrünstig schlechtgemacht hätte. Hat er auch nicht. Der Blick aus Österreich auf die Schwarzen Afrikas (und Amerikas) durfte ein unschuldiger, romantisch-verklärter bleiben. Denn deren Ausbeuter saßen anderswo.

Inzwischen schreitet die Globalisierung des schlechten Gewissens der Kolonisatoren fort. Heuer störte es den Wiener Festspielfrieden. Passt ein Theaterstück mit dem Titel "Die Neger" in die antirassistische Tugendschablone? Können sich weiße Mimen ohne Verletzung afrikanischer Gefühle schwarze Gesichter schminken? Zuletzt setzte der niederländische Regisseur Johan Simons werbewirksam im "Spiegel" (seine Münchner Kammerspiele und Hamburg sind Koproduzenten) die Befürchtung in Umlauf, bei seiner Wiener Premiere von Jean Genets Schwarz-Weiß-Schwarz-Clownerie könnten Aktivisten "die Bühne stürmen".

Unter Fremden


Kein Anlass zur Randale am Dienstag im Theater Akzent! Bis auf den doppelten Spielmacher Archibald (Stefan Hunstein und der farbige Niederländer Felix Burleson) sind alle Mitspieler mit kürbisgroßen Kopfdeckeln, die einen weiß, die anderen schwarz, zur Unkenntlichkeit verkleidet. Mühsam bringt dieses Münchner Ensemble seine gesichtslose Puppenshow zum Laufen. Als hätten die Hofräte Vorsichtl und Rücksichtl Regie geführt.

Das Grundelement aller Schauspielkunst ist weggeblendet: die Mimik. Die Sackkleider, in denen die Sprechpuppen stecken, bremsen jede feinere Bewegung, Geste. Aus den Ganzkopfkapseln tönen die Stimmen gedämpft, verzerrt, verharmlost. Wegkostümiert sind auch die fleischlich-körperlichen Kitzel, die dem "comédien et martyre" (Essay von Sartre über Genet) gefallen haben - wie sogar beim Lokalaugenschein in den Massakerlagern Sabra und Schatila ein hübscher Araberjunge.

Manche Ensembleszenen gelingen: eine bedrohliche Schlange aus Menschenleibern und der Showdown, in dem alle niedersinken, als hätte man ihnen die Luft ausgelassen. Die Königin (Maria Schader) gewinnt kurz klare Stimme, der Diener (Jeff Wilbusch) rassistische Gefährlichkeit. Blass bleibt das farbige Liebespaar (Anja Lais, Benny Claassens). Ein Gutteil der Deklamationen samt Winzigaktion ist hinter eine opake Folie verbannt. Im Schattenspiel vor Scheinwerfern mit den technischen Farben Cyan-Gelb-Magenta sind aller Körperfarben Schatten gleich grau wie Katzen in der Nacht. Die fleischfarbene Skulptur einer nackten Liegenden ist aus Eis und sollte verschwunden sein, wenn sie in der von den "Weißen" inszenierten Mordverhandlung als Corpus delicti vorgezeigt werden soll. Pech bei der Premiere: Das Eis schmolz zu langsam.

Dass Genet in den Terrorjahren des Algerienkriegs, als die "Négritude" bei den französischen Intellektuellen zu Ehren kam, alles eher als ein Rassist war, gilt als erwiesen. Gewalt war ihm nicht fremd. Doch kein zeitaktuelles Moralisieren hat sein 1959 uraufgeführtes "Gebäude aus Nichts und Worten" (Archibald) mit Schwarzen als Weißen jung gehalten. Sondern wilde Poesie, geschöpft aus Liebe und Hass, aus Sehnsucht nach dem Exotischen und Ekel davor, nach Schuld und Unschuld.

Angst vor Einsprüchen politisch Superkorrekter bremst. In Deutschland (wo man derzeit die koloniale Vergangenheit in Afrika entdeckt) und den Niederlanden ganz besonders. Schon Peter Steins lesenswerte Übersetzung aus 1983 und seine Berliner Schaubühnen-Inszenierung waren ein vom Dichter ungern genehmigter Kompromiss. "Les Négres" sind wohl nur mehr daheim in Frankreich zum richtigen Bühnenleben zu erwecken. Wie 2007 durch Christèle Alves Meira im Pariser Theater Louis Jouvet mit einem Feuerwerk absurder Komödiantik und farbiger Körperartistik vor dem Hintergrund der peinlichen nationalen Geschichte. In Wien blieben "Die Neger" Fremde. Rücksichtsvoller Applaus.