• vom 04.06.2014, 17:36 Uhr

Bühne


Interview

"Das Burgtheater war eine Heimat"




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Von Petra Paterno

  • Hannes Schiel ist der älteste Burg-Schauspieler, er feierte am 31. Mai seinen 100. Geburtstag.

"Ich bin bestürzt", sagt Jubilar und ehemaliger Burg-Schauspieler Hannes Schiel über die gegenwärtige Krise am Burgtheater. - © Andreas Urban

"Ich bin bestürzt", sagt Jubilar und ehemaliger Burg-Schauspieler Hannes Schiel über die gegenwärtige Krise am Burgtheater. © Andreas Urban

"Wiener Zeitung": Sie waren seit 58 Tagen auf der Welt, als am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Erinnern Sie sich noch an Details aus den Kriegsjahren?

Hannes Schiel:Wir wohnten in der Nähe der Rossauer-Kaserne. Jeden Mittag marschierte das Musikkorps aus der Kaserne - diese tägliche Wachablöse wurde im Volksmund "Burgmurrer" genannt. Wir Kinder saßen immer am Fenster und bestaunten die Soldaten. Im Erdgeschoß unseres Hauses gab es während des Kriegs auch eine Ausspeisung. Von dort bekamen wir öfters Suppe, Bohnen- oder Haferflockensuppe. Mein Vater war ein begeisterter Berufsoffizier, er hatte sich freiwillig an die Front gemeldet. Er geriet früh in russische Gefangenschaft und verbrachte den Krieg in Asien und im Osten Russlands. In den letzten Kriegstagen floh er, er marschierte mit einem Kameraden zu Fuß nach Hause. Als er an unserer Wohnungstür läutete, stand ein Fremder vor meiner Schwester und mir, ein Mann mit Pelzmütze, Vollbart, altem Uniformmantel, eine so abgerissene Erscheinung, dass wir uns regelrecht fürchteten.


Sie stammen aus einer bekannten Fabrikantenfamilie: "Schiel-Seide" ist vielen noch heute ein Begriff. Wie kam es, dass Sie Schauspieler werden wollten?

Mit der Firma hatte ich eigentlich nie viel zu tun. Ich war der Sohn des jüngsten Bruders von sieben Geschwistern, noch dazu trennten sich meine Eltern nach dem Krieg, wir Kinder wuchsen bei Verwandten auf. Das war keine leichte Zeit. Meine größte Leidenschaft war das Kino, wohl auch deshalb zog es mich im Alter von ungefähr 12 zur Schauspielerei. Zunächst kam es jedoch anders: Ich musste in die Kadettenschule, anschließend bestimmte mein Vormund, dass ich einen so genannten anständigen Beruf erlernen und so wie er Jurist werden sollte. Also legte ich das erste Staatsexamen in Graz ab. Nebenher nahm ich Schauspielunterricht und legte 1938 die Prüfung ab.

Nach ersten Engagements in Provinzbühnen etwa in Mährisch-Ostrau wurden Sie zur Wehrmacht eingezogen. Wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg überlebt?

Ich hatte sehr viel Glück und vielleicht eine gewisse Schlauheit. Begeistert war ich nie vom Militär - dank der Erinnerungen an meinen Vater und meinen eigenen Erfahrungen als Zögling einer Kadettenanstalt. In der Division meldete ich mich für Schreibarbeiten. Eines Tages fing mein "Büro" in einem beschlagnahmten Bauernhof Feuer. Seite an Seite mit dem Truppenbetreuer versuchte ich, noch etwas aus der Asche zu bergen. Wir kamen ins Gespräch. Nachdem er erfahren hatte, dass ich Schauspieler war, sollte ich die szenischen Darbietungen der KdF-Truppenbetreuung ersetzen.

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Dokument erstellt am 2014-06-04 17:38:08


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