• vom 06.06.2014, 17:14 Uhr

Bühne


Pfingstfestspiele

Erfolg, der sich gewaschen hat




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Von Christoph Irrgeher

  • Cecilia Bartoli triumphiert als Aschenputtel bei den Salzburger Pfingstfestspielen.

Jetzt schrubbt ihr! Bartoli als Prinzessin.

Jetzt schrubbt ihr! Bartoli als Prinzessin.© Salzburger Festspiele/Lel Jetzt schrubbt ihr! Bartoli als Prinzessin.© Salzburger Festspiele/Lel

"Alles ist möglich", heißt es auf den Plakaten. Die Doppelbilder darauf kennt man zur Genüge: Schau her!, sagen sie dem Betrachter: Die Glücksfee kann auch dein Leben vergolden. Dann schwillt dir das Moperl zum Chopper, oder ein krummer Radreifen wächst sich zum Jacht-Steuerrad aus. Ja, alles ist möglich, wenn die Lottokugel richtig rollt. Blöd nur: Das ist unwesentlich wahrscheinlicher, als dass einen der Blitz trifft.

In der gleichen Liga spielt jenes Vorher-Nachher-Bild, das man nun im ersten Akt von Rossinis "Cenerentola" sieht. Zwar hat es mit Lotto nichts zu tun, erinnert aber frappant an die Werbung. Da hebt sich also ein Bühnenbild (Paolo Fantin) nach oben fort und gibt den Blick frei auf ein - oh Wunder - wohlstandsoptimiertes Pendant. Fort der grindgrüne Schnellimbiss! Der schmierige Herd ist zur Edelbar mutiert, das Häuflein Billigsessel zur schnittigen Sitzlandschaft, und die Neonschrift leuchtet nicht mehr für ein "Buffet", sondern einen "Palace".


Protegiert von ganz oben
Es ist dies die wuchtigste Bilderpointe der Pfingstfestspielpremiere, und Regisseur Damiano Michieletto - keine 40, doch schon viel beschäftigt an den ersten Adressen - schüttelt im Salzburger Haus für Mozart noch einiges mehr aus dem Opernärmel. Zwar stimmt es: Im Dienste der Dauerturbulenz mixt er auch ein paar recht bärtige Ideen dazu (etwa das teils unmotivierte Disco-Gehopse). In der Hauptsache hat er das Märchen vom Aschenputtel aber gewitzt in eine Gammel-Gegenwart gebeamt; der Stiefvater ist kein abgewrackter Adeliger mehr, sondern ein Unterschicht-Wirt im gut gefüllten Unterleiberl, die eitlen Schwestern entledigen sich der Prolo-Panier, sobald der Fernseher im Eck die Brautschau des Prinzen vermeldet hat.

Der Mann, der Aschenputtel des Putzfrauen-Staubes entheben wird, kommt allerdings vom Himmel selbst: Statt librettogemäß den Erzieher des Prinzen vorzuschicken, lässt Michieletto einen Engel herniedersteigen. Der wird sich im Lauf von rund drei Stunden als wandlungsfähiger Strippenzieher erweisen. Ob als Amor mit reichlich Pfeilnachschub, Menschen- und Möbelverschieber oder auch Herbeihexer des royalen Autos (mit einer Art Voodoo-Wagen!): Dieses Protektionsausmaß lässt jedes Bonzenbubi wie ein armes Hascherl aussehen. Die beste Pointe aber am Schluss: Dann vergibt Aschenputtel zwar ihren Peinigern, die Generalamnestie aber wird durchkreuzt von einem herabsegelnden Kübelgeschwader. Alles an die Lappen! Auf Knien putzend, hüllt der Schrubbtrupp die tirilierende Prinzessin zuletzt mit einem Seifenblasen-Gesprudel ein. Dieses Bild - und freilich die Koloraturkünste von Cecilia Bartoli - reißen dem Publikum den Applaus aus den Händen, noch ehe das Orchester Feierabend hat. Unfein? Aber verständlich. Und das ist es auch, weil Bartoli, Intendantin, Sympathieträgerin und Zugpferd des Festivals, eine gewinnende Gesamtleistung abgeliefert hat. Zwar stimmt es: Ihr Mezzo klingt in höheren Gefilden etwas umflort; erhöhter Schalldruck verstärkt auch ihr Vibrato. Als quecksilbrige Königin der Koloratur kann sie dafür aber immer noch entschädigen.

Anderen fällt das schwerer: Der Tenor von Javier Camarena (Prinz) ist eindeutig mehr für Sprints als (klangschönen!) Kraftsport geeignet, Enzo Capuano (Stiefvater) dagegen prunkt anfangs mit sämigen Tönen, verschluckt auf schnellen Teilstrecken dann aber manche Note; und auch die raumgreifenden Stimmen von Ugo Guagliardo (Alidoro) und Nicola Alaimo (Dandini) beglücken nicht in jeder Hinsicht. Kurz: Es fehlt diesem Abend an Allroundern - Sängern, die ebenso mit einer klangvollen Kantilene glänzen können wie in den hypnotischen, irrwitzig ratter-ti-tatternden Rossini-Crescendi.

Feine Schlagkraft
Jean-Christophe Spinosi am Pult erhöht diese Wirkung paradoxerweise, indem er Schallmacht vermeidet. Sein originaltönendes Ensemble Matheus gebärdet sich wie ein pfiffiges Fliegengewicht: Es führt Sforzati-Schläge wie aus dem Nichts ins Treffen, treibt mit alerter Drahtigkeit voran und glänzt auch als gut ausbalancierter Klangkörper. Profaner Nachteil: In der 23. Reihe kommt davon manchmal nur ein Hauch an. Am Ende setzt es aber auch für Spinosi Jubel, und für die 48-jährige Bartoli sogar noch ein Geburtstagsständchen von Orchester und Publikum.

Oper

La Cenerentola

Von Gioachino Rossini

Wh.: Heute, Samstag; ab 21. August bei den Salzburger Festspielen




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Dokument erstellt am 2014-06-06 17:17:05



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