• vom 10.06.2014, 16:23 Uhr

Bühne

Update: 10.06.2014, 16:59 Uhr

Opernkritik

Apartheid im Palast der Männer-Seilschaften




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Salzburger Pfingstfestspiele enden mit Rossinis "Otello", Intendantin Cecilia Bartoli sang selbst die Desdemona.

Viele Sessel stehen herum, andere sind auf dem Billardtisch gestapelt. Der Kühlschrank scheint schon in Betrieb zu sein, das Bier ist kalt. Desdemona alias Cecilia Bartoli greift sich eine Flasche und schleudert ihrem Vater Elmiro, der sie ob ihrer Mésalliance mit Otello verflucht hat, selbstbewusst ihre Rabiat-Koloraturen entgegen.

Information

Oper
Otello
von Gioachino Rossini
Jean-Christophe Spinosi (Dirigent)
Leiser und Caurier (Regie)
Großes Festspielhaus, Salzburg


Zum ersten Mal haben heuer die Salzburger Pfingstfestspiele mit zwei szenischen Produktionen aufgewartet. Neben den zwei Aufführungen der "Cenerentola" (die im Sommer wiederaufgenommen wird), gab es am Nachmittag des Pfingstmontags eine einmalige Vorstellung von "Otello", einer Produktion, die für Zürich und das Pariser Théatre des Champs-Élysées entstanden war. Eine Inszenierung des Teams Moshe Leiser und Patrice Caurier, denen die Pfingstfestspiele in den ersten beiden Jahren der Bartoli als Leiterin zwei höchst bemerkenswerte Inszenierungen zu verdanken hatten.

Aber nichts diesmal von der Fantasie-Orgie, die sie 2012 für Händels "Giulio Cesare" aufgebracht hatten und auch wenig von der politischen Kampf-Aura, in die sie 2013 Bellinis "Norma" stellten.

In "Otello" ist vom Originalschauplatz nur noch ein Glaslüster übrig. Irgendwo im Heute, in einem Staat, der bestimmt ist von Männer-Seilschaften, siedeln Leiser und Caurier die Geschichte an. Man ist offen rassistisch: Rodrigo lässt sich von einem Schwarzen am Buffet nicht mal einen Drink reichen, und im Festsaal dürfen nur die weißen Bedienten servieren. In diesem Ambiente klappt das Eifersüchtig-Machen des Mohren Otello mit Leichtigkeit.

Nobles Nacherzählen
Die Regie zieht sich alsbald auf nobles Nacherzählen der Geschichte zurück. Desdemona also zwischen Otello und Rodrigo, der sie einmal allein zur Rede stellt - und da sieht man, dass sie diesen welt- und intrigenfremden Liebhaber vielleicht eh mögen täte, wenn da nicht der Ur-Mann Otello wäre.

Ein Rossini-Singen, das diesen im Vokalen nun wirklich rundum prächtigen Pfingstfestspielen wohl anstand. Dass man der Aufführung am Montag ihr Gastspiel-Wesen, sprich: die nicht wirklich ausgeprobte Balance im Detail angemerkt hat, sei pauschal angemerkt. Drei Tenöre braucht es für diese Oper. John Osborn in der Titelrolle hatte eingangs an den hohen Tönen erheblich zu pressen, aber in Folge bildete er mit dem leuchtkräftigen Edgardo Rocha als Rodrigo und dem kernig-attackierenden Berry Banks als Iago ein formidables Kontrahenten-Team. Peter Kálmán war der Elmiro, Liliana Nikiteanu eine mehr als achtbare Emilia, die in jeder Phrase mit der Bartoli gleichzuziehen verstand: quasi das optimistische Alter Ego der immer von Ahnungen und Schwermut Verfolgten.

Gibt es derzeit eine Rossini-Rolle, die Cecilia Bartoli nicht so sänge, als ob sie maßgeschneidert wäre? Der selbstbewusste Koloraturentanz auf dem Billardtisch ist ein einprägsamer Moment, noch nachdrücklicher waren die lyrischen Episoden im dritten Akt. Das Gebet hat bei Rossini noch nicht diesen Stellenwert, dafür ist eine lange langsame, verinnerlichte Arie gleichsam vorgeschaltet.

Wieder dirigierte Jean-Christophe Spinosi, wieder spielte das Ensemble Mattheus: Originaltöner, eine Gruppe in Kammerorchesterbesetzung. Sie hatten keinen ganz leichten Stand im Großen Festspielhaus, zudem Spinosi schon in der Ouvertüre sehr auf Generalpausen setzte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-06-10 16:26:05
Letzte Änderung am 2014-06-10 16:59:59



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